Gehört: Clueso „Neuanfang“

clueso-albumcover-universal-musicHerzlich willkommen Neuanfang! Clueso, der Deutschpoet, feiert heute den Release seines mittlerweile siebten Soloalbums. „Neuanfang“ ist ein sehr persönliches Album, ist es doch in einer Lebensphase entstanden, in welcher der Sänger vieles hinterfragt hat, was im Endeffekt zu zahlreichen Veränderungen geführt hat. Wie uns Clueso im Interview verraten hat, hatte er Lust auf mehr Beweglichkeit und ist diesem Ruf gefolgt: Um unabhängig zu sein, hat er sich von seiner Band getrennt und arbeitet mit einem neuen Management zusammen.
„Veränderung braucht einen klaren Kopf“, wie es im Titelsong heißt. Es sei nie zu spät, einen Neuanfang zu wagen, heißt es darin weiter – der perfekte Opener für ein Album voller Songs mit ebendieser zentralen Thematik. Darauf zu finden sind insgesamt zehn Songs, die vom Stil her allesamt unverkennbar Clueso Songs sind, teilweise jedoch auch überraschen.
Vor 10 Jahren waren wir mit Clueso schon einmal „Out of space“, und dahin entführt uns der Song „Gordo“ nun erneut. Die Geschichte des kleinen Schimpansen, der in der 50er Jahren von der NASA ins All geschickt wurde, berührt: „Ängstlich sucht er Halt, mitten im Raum und Zeit.“ Eine Situation der Fremdbestimmung, an die sich Clueso letztes Jahr erinnert hat und sich in dem Äffchen gesehen hat. Auch musikalisch spürt man diese Öffnung des Raumes, so dass man schon fast ein Gefühl von Schwerelosigkeit spüren kann.
Zwei Songs, die in eine ähnliche Kerbe schlagen sind „Achterbahn“, ein Song, der mit Bläsern extrem nach vorne geht und live noch viel mehr strahlen wird und „Lass sie reden“. In beiden setzt sich Clueso mit Erwartungen der Umwelt an sich sowie seinen eigenen Vorstellungen und der Frage: „Was will ich eigentlich?“ auseinander. Sein Fazit in a nutshell? „Denn ich fahre immer noch ohne Plan nach all den Jahren“ (aus „Achterbahn“) und „Ich bin nicht rund geschliffen, glänzend wie Diamanten. Der Beweis, dass man funkeln kann trotz Ecken und Kanten.“ Für mich eine extrem wichtige Message: Live your life und lasse die anderen einfach reden. Du weißt selbst am besten, was du willst und was wirklich gut für dich ist. Und auch ein kleines bisschen Fügung ist dabei, denn: „Was kann das Holz denn dafür, wenn es als Geige erwacht?“
Absoluten Hörgenuss versprechen die beiden Duette „Wenn du liebst“ und „Anderssein“. Die Australierin Kat Frankie ist laut Clueso die perfekte Duettpartnerin für diesen Song, denn er wollte jemanden, der Haltung hat und darüber hinaus auch eine gewisse Lebensweisheit mitbringt. Dieses Melodie getragene emotionale Zwiegespräch ist für mich Gänsehaut pur und ein wirklich starker Liebessong. Vom Stil her viel eher Sprechgesang getrieben kommt „Anderssein“ daher, der Song groovt. Das Besondere bei diesem Titel ist, dass Cluesos Duettpartnerin Sara Hartmann ihre Parts komplett auf Englisch singt. Dieser Mix aus Deutsch und Englisch macht für mich den speziellen Reiz aus. Love at first listen! Auch die Akustikversion ist sehr zu empfehlen.
„Neue Luft“ überzeugt durch eine wunderbar poetische Sprache, ebenso „Erinnerungen“, was vom Stil her am ehesten an frühere Clueso Songs erinnert. Gegen Ende des Albums dann die Erkenntnis: „Wie oft spaltet ein einziger Tag das Leben in ein Davor und Danach“ und „Nichts ist schwieriger als einfach zu gehen“ („Jeder lebt für sich allein“), untermalt durch einen Chor im Refrain.
Auch der letzte Song auf „Neuanfang“ „Sorgenfrei“ weiß zu überzeugen und ist musikalisch einer meiner Favoriten. Dieses Gefühl der Unbeschwertheit und Sorglosigkeit, welches wir alle anstreben, wird durch Gitarrenklänge herangetragen und vermittelt einem ein gutes Gefühl. In diesem letzten Track auf „Neuanfang“ singt Clueso auch einen Satz, der mir besonders gefällt: „Ich erzähle Geschichten, die erfunden, aber keine Lügen sind.“ Der Songwriter hat auf „Neuanfang“ vieles zugelassen und war frei für Neues. So konnte ein jeder Song genau so „eingefangen“ werden wie gewünscht.
Fazit: „Neuanfang“ ist insgesamt ein extrem rundes Album geworden: inhaltlich spiegelt es eine wichtige Phase des Musikers wider. Denn Veränderung mag schwer sein, doch sie macht auch kreativ. Ebendiese Kreativität schlägt sich wiederum im Artwork und Design der neuen Platte nieder. Die Pinselstriche bringen sinnbildlich Farbe ins Leben und überdecken das Alte und Gewohnte, um Neues zu erschaffen.„Neuanfang“ berührt, „Neuanfang“ regt zum Nachdenken an und „Neuanfang“ lässt mich wild durch die Wohnung tanzen. Ich mag den „neuen“ Clueso und kann jetzt zur Ende der Rezension auch gut und gerne zugeben, dass ich wohl noch nie zuvor ein Album häufiger gehört habe als dieses, bevor ich darüber geschrieben habe.

VÖ: 14.10.2016

Gehört von: Marion Weber

http://www.clueso.de