KT Tunstall im Interview

Ein bisschen ruhig ist es in Europa in den letzten Jahren um KT Tunstall geworden, die vor acht Jahren mit „Suddenly I See“ einen richtigen Megahit verbuchen konnte. Untätig war die schottische Sängerin und Songerschreiberin in den letzten Jahren aber keineswegs, erst im Herbst letzten Jahres erschien ihr fünftes Album „Kin“. KT lebt seit einiger Zeit in den USA, tourt dort viel und schreibt Songs. Gerne auch für Filme und, in Ausnahmefällen auch mal für Revuetheater. Wer hätte es gedacht, aber KT Tunstall hat ein paar Songs zur aktuellen Erfolgsrevue „The One“ am Berliner Friedrichstadt-Palast beigesteuert. „The One“ ist ein absoluter Riesenhit, mit inzwischen über 400.000 verkauften Karten, internationalen Artisten, Kostümen von Jean Paul Gaultier und natürlich jeder Menge Musik. Als Support ihrer Landsmänner Simple Minds hat KT es nun endlich mal wieder nach Deutschland geschafft. Und zur Feier ihrer Mitarbeit an „The One“ hat sie direkt auf der Bühne des Friedrichstadt Palast ein kleines One-Woman-Set vor 80 Zuschauern gegeben. Wir hatten die Gelegenheit, vor der Show eine Runde mit KT zu plaudern und mehr über ihren Umzug in die USA, die Arbeit an „The One“ und die Tour mit Simple Minds zu erfahren.

Schön, dass du wieder einmal in Deutschland bist, KT! Wie geht es dir?

Danke, es geht mir wunderbar! Ich war zuletzt 2011 hier in Berlin und habe ein Album aufgenommen. Im Januar, mitten im tiefsten Winter.

Nicht gerade die gemütlichste Zeit um in Berlin zu sein.

Oh, ich habe es geliebt! Es war unglaublich. Ich habe in den Hansa Studios gearbeitet. So ein legendärer Ort! Es fühlt sich wie eine Ehre an, dort arbeiten zu können.

Ich wusste bis vor kurzem gar nicht, dass du jetzt in Los Angeles lebst.

Ja, seit zweieinhalb Jahren. In Venice Beach. Es ist großartig.

Aber ist es auch ein guter Ort um zu arbeiten? Ich habe schon öfter von Künstlern gehört, dass sie sich dort fast zu wohl gefühlt haben, um kreativ zu werden.

Ein guter Freund von mir, Tim Smit, leitet das Eden Project in Cornwall, ein riesiger botanischer Garten. Ich kenne niemanden, der so viel arbeitet wie dieser Mann, er baut ständig neue Sachen, überall auf der Welt. Ich habe ihm geschrieben und meinte hey, Tim, es ist so cool in Venice Beach! Und er hat geantwortet: ich kaufe Dir ein Rollo, auf dem groß „London“ steht, damit du auch zum arbeiten kommst. Das ziehst du runter, damit du nicht ständig von den Palmen vor der Tür abgelenkt wirst (lacht). Aber ich bin sehr produktiv dort, sehr kreativ. Ich habe eine richtig goldene Zeit. In London habe ich lange darum gekämpft eine Balance zu finden zwischen Arbeit und Freizeit. Ich war einfach total erschöpft. Ich liebe London als Stadt, aber ich lebe nicht gerne dort. Als Musikerin und Songschreiberin gab es für mich dort irgendwann keine Möglichkeiten mehr. England ist, was Musik angeht, sehr besessen davon, Neues zu entdecken. Alles muss immer neu, neu, neu sein. Frauen in den Vierzigern… da gibt es PJ Harvey und das war’s dann auch. Es ist sehr schade! Es gibt diese Lücke in der britischen Musikkultur, für Frauen im fortgeschrittenen Alter ist da einfach kein Platz. In den USA ist das ganz anders. Sheryl Crow, Indigo Girls, Heart gehen immer noch auf Tour. In Amerika herrscht eine ganz andere Loyalität gegenüber Künstlern und ihrem Handwerk. Letztendlich ist Großbritannien eine kleine Insel. Die Aufmerksamkeit der Leute zu behalten, wenn ständig Neues auf den Markt kommt, ist schwierig. In Amerika gibt es einfach mehr Arbeitsmöglichkeiten für mich. Ich liebe es, für Filme zu schreiben, was das angeht ist LA auch ein guter Standort für mich.

Und wie ist es dann zustande gekommen, dass du Songs geschrieben hast für eine Revue in Berlin, hier im Friedrichstadt-Palast?

Das ist unglaublich – wahrscheinlich das Verrückteste, was ich je gemacht habe! Roland Welke, der Regisseur von „The One“ hat mich kontaktiert, er ist wohl Fan meiner Arbeit. Er meinte, wir haben da diese Show und hat versucht es mir zu erklären – was nahezu unmöglich ist (lacht). Es hörte sich an wie eine Mischung aus Cirque du Soleil und Musical. Ironischerweise kann ich Musicals nicht ausstehen (lacht). Aber die Geschichte von dem jungen Mann, der auf eine Party geht und dann sieht er diese ganzen verrückten Figuren, das klang einfach cool. Und dann hat man mir erzählt, dass Jean Paul Gaultier die Kostüme macht…

…okay, wo muss ich unterschreiben?

Ganz genau! Ich konnte gar nicht glauben, was für ein Glück ich habe, Teil davon zu sein. Ich hatte ein Telefonat mit Roland und er hat mir erzählt, was alles auf der Bühne passiert. Ich habe mit geschrieben und als ich hinterher meine Notizen durchgelesen habe dachte ich, das ist der totale Wahnsinn (lacht). Aber er war so voller Leidenschaft und konnte so gut beschreiben, wie die Figuren sich in den Situationen fühlen. Dass die Emotion stimmt, das fand ich am allerwichtigsten.

Und jetzt bist du hier, weil du auch gerade auf Tour mit Simple Minds bist?

Richtig. Simple Minds sind absolute Helden für mich. Und sie kommen aus Schottland. Wir haben uns dort auf einer Award Show kennengelernt und uns sofort angefreundet. Ich habe für ihr Akustik Album ihren Song „Promised You A Miracle“ aufgenommen. Ich habe ihn quasi produziert. Sie haben mich ständig gefragt KT, wie würdest du das machen? Ich meinte, den Bass würde ich so machen, die Gitarre so… sie haben mich mit ihrem Song machen lassen was ich wollte – und sie haben das Ergebnis geliebt! Als klar war sie gehen auf Tour, hatte ich gehofft, dass die Möglichkeit besteht, dass sie mich mitnehmen. Leider konnte ich in den letzten Jahren nicht so viel in Europa touren wie ich es gerne getan hätte. Ich liebe es, Solo zu spielen und es ist einfach für sie, eine einzelne Person als Support dabei zu haben.

Den einen Tag spielst du also vor einer riesigen Menschenmenge, den anderen vor nur 80 Leuten. Was macht dich mehr nervös?

Ach, ich habe einfach wahnsinniges Glück, ich werde sehr selten nervös. Ich danke meinem Körper jeden Tag dafür (lacht). Als Künstler ist es ein Schlüsselerlebnis wenn man merkt, gerade wenn man einen Fehler macht, lieben die Leute einen. Sie kommen nach der Show und sagen: am tollsten fand ich, wie du diesen Fehler gemacht hast! Wenn einem das bewusst wird, kann nicht mehr viel schief gehen. Und seitdem ich so denke, mache ich auch viel weniger Fehler, weil ich einfach total entspannt bin.

Und mutig bist du! Du machst ja so Scherze wie deine Fans sich über Facebook Coverversionen wünschen lassen.

Das habe ich zum ersten Mal gemacht. Ich dachte es wird schrecklich (lacht). Aber cool. Am Ende war es einfach nur großartig. Ich habe „Kiss“ von Prince gecovert, Songs von Aimee Mann, lauter coole Sachen. Es ist gut für mich als Musikerin, diese vielen verschiedenen Songs zu lernen. Ich vergesse sie danach natürlich direkt wieder (lacht). Aber für eine Nacht ist es einfach nur cool.

 

Interview: Gabi Rudolph

Foto: Universal Music

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