Interview mit Tokio Hotel

Kein Scherz – wir durften uns mit Tokio Hotel über ihr neues Album „Kings of Suburbia“ unterhalten. Eines der wenigen aktuellen Interviews aus Deutschland!

Das inoffizielle fünfte Mitglied von Tokio Hotel begrüßt mich sofort stürmisch und ohne Umschweife, in dem es meine rechte Hand vor Begeisterung förmlich verschlingt. Okay, normalerweise gehe ich mit meinen Interviewpartnern eher selten direkt auf Tuchfühlung, aber für Pumba mache ich natürlich eine Ausnahme. Entsprechend enttäuscht ist Bill Kaulitz‘ Bulldogge dann auch, als er beim weiteren Verlauf des Gesprächs nicht dabei sein darf, weil er in der Zwischenzeit von einer jungen Dame ums Haus geführt werden soll. Nur zögernd verlässt er die Suite im Ritz Carlton, wo Bill und Tom Kaulitz, Georg Listing, Gustav Schäfer und ich es uns inzwischen auf den Sofas bequem gemacht haben. „Er geht nicht gerne mit anderen mit, normalerweise läuft er meistens mir hinterher“, erklärt Bill mir und beobachtet noch einen Moment lang skeptisch, wie sein kleiner Freund mit hängenden Ohren davon wackelt. Aber bei den restlichen Bandmitgliedern ist die gute Laune ungebrochen. Red Bull Dosen werden zischend geöffnet, um einen leichten Anflug von Müdigkeit zu bekämpfen (Tom zu Georg: „Du gießt dir das jetzt nicht ins Glas, oder?“ Georg: „Doch, ich mach mir jetzt ’n schönes Gläschen!“ Prost!). Nach ein paar ruhigen Jahren ging es in den letzten Tagen wieder turbulent zu im Hause Tokio Hotel. Umso mehr freue ich mich, dass man sich die Zeit nimmt, sich mit mir zu unterhalten. Am besten doch über das, was man als Band am liebsten macht – Musik!

Ich habe die letzten Wochen sehr aufmerksam verfolgt, was auf eurem Facebook Profil los war. Da gab es natürlich erst einmal einen großen Aufschrei, als man die ersten Songs hören konnte, wie sehr euer Sound sich doch verändert hat. Mich interessiert, empfindet ihr die Veränderung selber als so extrem? Und war es eher ein langsamer Prozess dort hin oder die bewusste Entscheidung, es diesmal anders angehen zu lassen?

Tom: Die Entscheidung war weniger bewusst, aber wir nehmen natürlich schon auf, dass das jetzt extrem anders ist als das was wir früher gemacht haben. Wenn man dieses Album mit unserem zweiten zum Beispiel vergleicht, ist der Sprung ja noch größer. Mit „Humanoid“ haben wir das ja schon ein bisschen eingeläutet, da haben wir rum experimentiert mit Synthesizern und Programmings. Das habe wir jetzt einfach fort geführt. Für uns ist das natürlich ein Prozess und eine Entwicklung, die über einen langen Zeitraum stattgefunden hat.

Bill: Nach dem letzten Album ging es für uns so nicht mehr weiter. Ich hatte überhaupt keine Inspiration mehr, wir wussten nicht, was wir musikalisch machen wollten. Klar hätten wir jetzt noch so ein Album zusammen schrauben können. Aber wir waren auch so lang auf Tour und mussten uns erst mal neue Inspiration holen. Authentisch sein oder sich treu bleiben bedeutet für mich, dass man mit seiner Entwicklung mit geht und nicht einfach abliefert was die Fans von einem hören wollen. Ich wollte eine Platte machen, die ich mir Zuhause selber anmachen und hören würde.

Tom: Da gehen viele Künstler ja auch ganz unterschiedlich ran. Wenn man zum Beispiel Avril Lavigne nimmt. Die Frau geht wahrscheinlich auf die 40 zu und macht noch den gleichen Teenage Rock den sie damals gemacht hat, als sie 16 war. Und das macht sie, weil sie genau weiß, das ist meine Zielgruppe, meine Fans lieben das, also mache ich das für den Rest meines Lebens. Das ist ihre Art von treu sein – ob sie das privat noch geil findet, wage ich zu bezweifeln. Uns war klar, wir wollen nicht irgendwo stehen bleiben. Wir hatten das ja auch, diese Nische von Fans, die geliebt haben was wir gemacht haben. Für uns war aber nicht die Entscheidung da bleiben wir jetzt, damit wir für den Rest unseres Lebens die gleiche Käuferschaft haben und unsere Fans bedienen. Wir wollen uns treu bleiben indem wir das machen, was wir machen wollen. Das heißt nicht, dass wir unsere alten Platten nicht auch geil finden – für damals eben. Wir haben viel Musik gemacht und machen jeden Tag Musik, das verändert sich. Wir wollen nicht irgendwo stehen bleiben.

Ich finde das ja völlig verständlich, vor allem gemessen daran, wie früh ihr angefangen habt. Ich persönlich finde auch nicht mehr alles gut, wofür ich mich mit 16 begeistert habe…

Bill: Klar, man entwickelt ja einen völlig anderen Geschmack und auch in den fünf Jahren seit der letzten Platte hat das Leben sich verändert. Man hört andere Musik, das kennt ja jeder von sich selber. Für mich ist immer wichtig, dass ich mache, was ich in dem Moment machen will. Kann sein, dass ich in zwei Jahren sage, jetzt steh ich aber gar nicht mehr auf das Elektronische, jetzt will ich ein ganz anderes Album… wichtig ist, dass es authentisch ist. Dass man nicht versucht, nur das zu bedienen, was die Leute von einem erwarten. Ich glaube, nur so kann man erfolgreich sein, dass man das gut findet, was man macht und zu 1000 Prozent dahinter stehen kann.

Man muss ja auch sagen, dass wir hier immer noch über einen recht organischen Wandel sprechen. Eure Musik war ja früher schon eher melodiös, von poppigem Songwriting geprägt.

Bill: Genau! Das finde ich auch lustig. Manche schreiben jetzt, früher waren sie rockiger. Und früher hat niemand gesagt, dass das, was wir machen Rock ist! (Gelächter) Jetzt hatten wir plötzlich früher total krasse Gitarren, aber das hat damals niemand geschrieben!

Tom: Früher haben wir gehofft, dass das jemand mal schreibt!

Wenn ihr eure Songs schreibt, wann kriegen die denn überhaupt ihr musikalisches Gewand? Am Anfang steht ja immer eine Melodie, denke ich.

Tom: Das Songwriting war diesmal schon ein ganz anderes. Erst hatten wir ein paar Sessions mit Produzenten und Schreibern. Wir haben ein bisschen was gemacht, aber das hat sich nicht richtig angefühlt. Das knüpfte einfach zu sehr an das vorige Album an. Wir haben noch ein bisschen rum probiert aber irgendwann haben Bill und ich uns angeguckt und entschieden, das geht so gar nicht in die richtige Richtung. Ich habe zu Bill gesagt, lass uns ein Homestudio bauen und einfach jeden Tag Musik machen, so wie wir das wollen.

Bill: Am Anfang war es frustrierend, denn niemand hat verstanden, was wir wollten. Wir kamen irgendwie nicht weiter, weil wir erst einmal einfach Sachen ausprobieren wollten, und das hat keiner geschnallt. Und aus der Frustration raus, dass keiner so recht wusste was wir machen sollten, haben wir gedacht, wir machen es erst mal selber.

Tom: Der erste Song, den wir fürs Album geschrieben haben war „Stormy Weather“ und da war das Songwriting schon ein ganz anderes. Ich habe nicht damit angefangen, ’ne Gitarre aufzunehmen, mit Bill zu jammen und daraus ’nen Song zu kreieren, sondern ich hab den Track erst mal fast fertig gehabt. Ich hab zuerst zum Synthesizer gegriffen und nicht zur Gitarre, das hat sich ganz natürlich angefühlt. Ich hab gar nicht das Gefühl gehabt, dass ich erst mal ein geiles Riff raus hauen muss. Am Ende hatte ich das Playback fertig und dazu haben wir quasi on track die Vocal Melodie geschrieben.

Bill: Genau, das haben wir meistens so gemacht. Eigentlich war es so, dass Tom fast immer fertig produzierte Tracks und Parts hatte, aus denen wir die Songs entwickelt haben. Er ist so ein Studio Junkie, ich bin da anders, muss ich sagen. Tom sitzt ab morgens bis nachts da und macht diesen ganzen Kram. Ich komme meistens dazu wenn es fast fertig ist.

Tom: Zu einem späteren Zeitpunkt in der Produktion haben wir dann unsere Live Instrumente dazu genommen. Das war uns aber auch wichtig, weil wir diesen speziellen Sound haben wollten. Wir wollten ja kein DJ Album machen. Das hat sich dann extrem gut angefühlt, um diesen Druck reinzukriegen.

Bill: Ein Song wie „Girl Got A Gun“ fängt zum Beispiel rein elektronisch an und im C-Teil kommen dann die Live Drums dazu. Das haben wir später geaddet, als wir gemeinsam in Hamburg ins Studio gegangen sind.

Das war dann quasi der Zeitpunkt, wo ihr alle zusammen gekommen seid.

Georg: Genau, wir sind dann dazu gekommen und haben das Ganze sozusagen verfeinert.

Tom: Ich hab die Songs aber auch schon vorher an die Jungs rum geschickt.

Bill: Wir sind natürlich immer im Austausch, auf jeden Fall.

Wie ihr ja schon sagtet, „Stormy Weather“ war der erste der neuen Songs, die so entstanden sind, der ist dann ja schon ein paar Jahre alt. Interessant finde ich, dass man hört, dass er sich stilistisch immer noch näher an den „Humanoid“ Sachen befindet als die späteren Songs.

Bill: Richtig, das war dann so eine Reise. Das war für uns der Grundstein zu sagen, das machen wir jetzt erst mal und von dort ging es immer weiter. Irgendwann dachte ich boah, das ist jetzt schon ganz schön krass und fett alles, also haben wir zwischendrin mal ’ne Ballade gemacht, nur mit Klavier. Bei „Run Run Run“ zum Beispiel gab es auch mal eine richtige Dance Version. Was ich auch gut finde, das passte gut zu diesen langsamen speziellen Vocals, wo ich auch mal ganz neue Sachen gemacht habe, mit Kopfstimme zum Beispiel. Es gab da also auch eine ausproduzierte Version, aber am Ende haben wir uns dagegen entschieden und das einfach so gelassen.

Findet ihr auch, dass es die Öffentlichkeit einer Rockband eher übel nimmt, wenn sie sich auch mal an elektronische Sounds wagt als umgekehrt?

Bill: Ja. Ich glaube, das liegt daran, dass viele Leute, die gar nichts mit Musik zu tun haben denken, dass elektronische Musik einfacher ist und weniger wertvoll. Was totaler Quatsch ist.

Tom: Für mich ist es übrigens zehn Mal einfacher eine Gitarre aufzunehmen und direkt den Sound zu haben, den ich möchte. Wenn ich ein richtig fettes Synthesizer Riff haben möchte, da sitze ich teilweise ein paar Wochen dran. Die Leute haben einfach einen falschen Eindruck davon, sie denken, da steckst du ein Keyboard rein, nimmst das kurz auf und dann klingt das automatisch fett, weil es aus dem Computer kommt. Die meisten beschäftigen sich nicht selber damit und wissen deshalb nicht, wie viel Arbeit das sein kann.

Und wie viele der Sounds, die man jetzt auf dem Album hört, sind durch euch entstanden und was ist dem Einfluss eurer Produzenten zu verdanken?

Bill: Viele. Wir haben ganz viele Sachen komplett selber gemacht, die wurden gar nicht von anderen Produzenten angefasst. „Girl Got A Gun“ zum Beispiel haben wir komplett von vorne bis hinten selbst gemacht.

Tom: Wir haben vieles am Ende nur in einen finalen Mixing Prozess gegeben. Die ganzen Grundbeats und -sounds kommen eigentlich alle zu 80 Prozent von uns. Was das Songwriting anging und die Lyrics haben wir uns natürlich schon auch mit Leuten beraten.

Bill: Bei dem Song „We Found Us“ zum Beispiel hatten wir eine Version gemacht, aber dann hatte ein Produzent, mit dem wir schon länger zusammen arbeiten einen super geilen Synthesizer, hat uns den rüber geschickt und gemeint, hört euch den mal an. Mittlerweile geht das ja alles online, die schicken uns das rüber, wir hören es an, denken geil, Tom bastelt noch ein bisschen dran rum und wir laden das in den Computer. Man sitzt ja heutzutage gar nicht mehr so gemeinsam im Studio.

Was tatsächlich kein so großes Thema mehr zu sein scheint ist die Frage, warum ihr nicht mehr auf Deutsch singt. Letzte Woche habt ihr eine Pressekonferenz gegeben, da war ich mir sicher, dass das eine der ersten Fragen sein wird die kommt, dem war aber nicht so.

Tom: Das stimmt! Es ist weniger Thema als ich gedacht hätte. Ich habe gedacht bei dem Ding würden wir diesbezüglich einen Shitstorm von allen Seiten kriegen, aber der ist tatsächlich ausgeblieben (lacht). Der Grund dafür ist, dass wir diesmal von Anfang an auf Englisch geschrieben haben und wir keine Übersetzungen mehr machen wollten.

Bill: Bei „Humanoid“ haben wir ja exakt das gleiche Album auf Englisch und auf Deutsch gemacht. Und das war ein reines Abarbeiten. Wir haben es nur noch gemacht, weil wir dachten wir müssen es machen. Im Prozess selber ging dann aber so viel verloren. Ich musste ja alle Songs doppelt singen. Und dann denkst du manchmal, der Song kommt im Deutschen aber nicht so geil und der vielleicht im Englischen nicht, aber du musst es einfach machen. Es fühlt sich nicht so gut an etwas raus zu geben von dem man denkt, es ist nur ein Kompromiss und nicht so entstanden. Darum haben wir der Plattenfirma diesmal von vorne herein gesagt, wir wollen nur ein Album machen, so wie es entsteht, und das haben sie dann auch verstanden.

Tom: Wenn ein Song mal wieder auf Deutsch entsteht, dann lassen wir den auch wieder auf Deutsch.

Bill: Aber wir haben diesmal halt nur auf Englisch geschrieben. Kann sein, dass irgendwann mal wieder ein deutscher Song kommt. Aber den übersetzen wir dann auch nicht (lacht).

Interview: Gabi Rudolph
Fotos: Markus Werner

Edit: Das Interview wurde von fleißigen Fans übrigens ins Englische übersetzt. Kann man zum Beispiel hier nachlesen.

www.tokiohotel.com


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