Wild Beasts im Interview

Wild_Beasts_credit_Tom_Andrew_hires1Wir sitzen mit Wild Beasts Frontman Hayden Thorpe in der Sonne, auf einer Bank mitten im Prenzlauer Berg und unterhalten uns über die neue Platte „Boy King“, das fünfte Album der Wild Beasts. Der Sänger hat uns sehr philosophische Einblicke zum Entstehen der Platte gegeben und wir haben mit ihm analysiert, was Sex und Tod gemeinsam haben. „Boy King“ besticht nach wie vor durch Thorpes prägnante Falsette Stimme, wobei die Sounds ungewöhnlich Gitarren lastig sind und lasziver und druckvoller daherkommen. Das hat schon die erste Single „Get My Bang“ unter Beweis gestellt. Der Band ist ein Album gelungen, mit dem sie sich in eine sehr interessante und absolut hörenswerte Richtung weiterentwickeln und das ihrem Band Namen absolut gerecht wird.

Wie fühlt es sich an, wenn man so lange an einem Album gearbeitet hat und es endlich fertig ist?

Es ist toll, wenn etwas zum Leben erweckt wird, was man sich über Monate ausgedacht hat. Wir haben uns im Studio neu erschaffen.

Was passiert, wenn man so lange und so intensiv in einem kreativen Prozess steckt, fällt man in ein Loch, wenn es vorbei ist oder ist man einfach nur erleichtert?

Oh ja, das ist ein großes schwarzes Loch. Man gerät fast in eine Krise und fragt sich: „Was soll ich jetzt mit mir anfangen“…

Hörst Du Dir ein Album auch noch an, wenn es fertig ist?

Ja, ich höre das Album immer mal wieder. Wenn man eine Platte aufnimmt, kreiert man eine ganz neue Welt, in der man eine Zeitlang lebt, die Realität lässt man dabei zurück. Es ist ein bisschen wie bei Tennessee Williams, wenn er seine Stücke geschrieben hat. Man sagt, dass er sich auch beim Schreiben eine komplette Welt erschaffen hat, in die er eingetaucht ist und alles andere außen vorgelassen hat. Wenn man die Platte dann hört, kann man dann immer wieder in diese Welt eintauchen und sie genießen.

Bist Du happy wenn Du die Platte hörst oder wirst Du sehr selbstkritisch und denkst, dass hätte man anders machen können?

(überlegt) Das Gefühl, man hätte noch etwas ändern können nimmt mit der Zeit ab. Ich liebe das Album für das was es ist und für all die Fehler und zufälligen Dinge die entstanden sind. Das macht es am Ende aus und damit spannend.

Das muss ein tolles Gefühl sein, wenn man an etwas so intensiv gearbeitet hat und man endlich das Ergebnis in den Händen hält?

Manche der Songs existieren schon seit fünf oder sechs Jahren. Wenn man sie dann endlich so weit hat, dass alles Perfekt scheint, dann ist das für mich eins der besten Gefühle der Welt. Ein sehr starkes und auch lebensbejahendes Gefühl.

Was ist dein Lieblings-Song auf der Platte?

(überlegt) Der Song auf den ich am meisten stolz bin und für den ich mich am wenigsten verantwortlich fühle ist, „Get My Bang“. Der Song ist einfach passiert, er ist in einer Explosion von Energie und Überschwänglichkeit entstanden. Wir haben ihn in 20 Minuten geschrieben. Es ist ein Ergebnis jahrelanger Arbeit, man feilt ständig an Dingen. Und plötzlich gibt es den Moment, wenn alles Sinn macht und einfach so sein muss. Es ist fast wie ein Gewitter. Du siehst es kommen, weißt aber nicht aus welcher Richtung. Dann bist du plötzlich von Blitz und Donner getroffen. So war das mit „Get My Bang“.

Du hast irgendwo mal gesagt, dass sich diese Platte für Dich angefühlt hat, als würdest Du an der Kante einer Klippe stehen. Woher kommt dieses Gefühl?

Die Platte ist eine Art Alter Ego. Es sind die tiefgründigen zerstörerischen Kräfte, die die Menschheit antreibt. Ich glaube Du kannst keine wahrhaft tiefe Liebe spüren, wenn du nicht auch eine zerstörerische Kraft in Dir hast. Ich glaube das ist alles ein Teil des menschlichen Zyklus. Und ich liebe es ein Teil davon zu sein und durch die Songs für einen kurzen Moment all diese Facetten der Menschlichkeit auszuleben. Das ist manchmal so extrem, dass es sich anfühlt, wie an einem Kliff zu stehen, wenn man denkt: springe ich oder bleibe ich stehen.

Es steckt also eine extreme Leidenschaft in den Songs?

Ich glaube nicht, dass ich eine größere Leidenschaft als andere Menschen habe. Es ist irgendwie interessant, wenn Du in einer Band bist, erwarten alle von Dir, dass Du diese leidenschaftlich extreme Person bist. Ein Teil von Dir will das mit Haut und Haaren und ein anderer Teil sträubt sich dagegen und denkt, kann ich überhaupt mit dem Chaos, das dadurch verursacht wird, umgehen. Die Platte handelt darüber diese machtvolle Person zu sein, die den Weg vor gibt. Auf der anderen Seite steht dann aber auch die Einsamkeit und die Emotionalität, die man dafür zahlen muss. Diese Gegensätze machen die Platte zusammen aus.

Du würdest also sagen, dass Du als Sänger eine ganz andere Person bist als im normalen Leben?

Ja, definitiv!

Spielst Du eher eine Rolle, wenn Du singst und auf der Bühne stehst?

Ja, aber beide Personen sind gleichermaßen ich. Ich bin nicht mehr ich selbst im Supermarkt als auf der Bühne. Beide Persönlichkeiten können nebeneinander existieren. Je älter ich werde, desto besser weiss ich wann Jekyll vordergründig ist und wann Hyde. Manchmal schaue ich auch in den Spiegel und denke: oh das ist jetzt das falsche Gesicht (Gelächter).

Die neue Platte klingt rauer und intensiver. Habt ihr euer Songwriting verändert oder wie seid ihr an die Platte rangegangen?

Ja das stimmt. Bei den letzten Platten sind wir immer sehr präzise und detailverliebt gewesen. Es wurde fast mathematisch. Bei dieser Platte haben wir die Unbeschwertheit wiederentdeckt, die man als Teenager hat. Wir haben Chaos zugelassen.  Man entdeckt wieder wie die Gitarre eine Waffe sein kann – eine Rebellion gegen das Erwachsen sein und gegen die Ordnung. Und dann passiert das was ich vorher schon gesagt habe, es ist das Ungeplante, die Fehler und Zufälle, die dich plötzlich in eine Platte reinziehen. Unser Produzent John Cogleton hatte einen starken Einfluss und hat genau das zugelassen und uns bestärkt mutig zu sein, so dass wir ein bisschen trashiger und sumpfiger werden konnten. Das war wirklich cool.

Das war also nicht von Anfang an so geplant, sondern ist im Prozess entstanden?

Ja, dass kehlige und instinktive ist so während der Arbeit an der Platte passiert. John hat uns davon abgehalten alles zu zerdenken, er hat die Spontanität in uns geweckt. Wenn man über etwas zu viel nachdenkt, kann das der Tod jeder künstlerischen Idee sein.

Da stimme ich Dir voll und ganz zu.

Dein erster Instinkt ist meistens richtig. Wir haben nur verlernt darauf zu hören.

Das heißt aber, um so einen Weg zu gehen ist der Produzent essentiell, jedenfalls in Eurem Fall?

Absolut. Ich sehe ihn wie einen Scheidungs-Richter. Er hilft Dir Abstand zu etwas zu bekommen, woran du emotional hängst und was du sehr liebst. Der Produzent stellt dann die Bedingungen auf. John ist darin sehr brutal. Er hat mich auch psychologisch in dem Prozess sehr unterstützt. Ich war zwischendurch sehr unsicher. Er hat mich motiviert und mich angetrieben, der Sache Herr zu werden.

Ihr habt in London aufgenommen und in Dallas fertig produziert?

Ja wir haben alle Einzelteile, die wir in London über ein Jahr aufgenommen haben, mit nach Dallas ins Studio genommen. Dann ging alles ganz schnell und wir hatten innerhalb von zwei Wochen die Platte fertig. Es war fast beängstigend wie schnell das dann ging. Wir haben gemeinsam festgestellt, was gut funktioniert und was nicht.

Hat euch der Ortswechsel beeinflusst?

Ja das war ein riesen Unterschied. Auf einmal von dem behüteten, bohemien Shoreditch in die große Finanzstadt Dallas zu kommen. Das hat mich sehr beeindruckt und ich fand es auch spannend, dort wie ein Alien zu sein. Das bringt dich aus deiner Comfort Zone und du schaust deine eigene Arbeit noch mal mit einer ganz anderen Distanz an. Es war ein Abenteuer. Wir hätten es uns mit der fünften Platte auch einfach machen können, aber es war eine schöne Herausforderung, neue Wege zu beschreiten. Es ist fast wie eine Wiedergeburt und es ist ein Privileg, dass wir so etwas mit einer Platte machen können.

Ich finde auch, dass man der Platte eine gewisse Leichtigkeit anhört und trotzdem ist sie sehr intensiv und rauh.

Ja absolut. Ich finde die Platte klingt freudig und dunkel zugleich. Sie zeigt das Spektrum des Lebens.

Wo kommt die Dunkelheit her?

Aus mir, ganz tief in mir drinnen – daraus entsteht eine Spannung. Zum einen kommt eine gewisse Dunkelheit aus einem selbst und ein anderer Teil kommt aus dem Lebensstil, den man führt.

Da wären wir wieder bei den zwei Persönlichkeiten.

Ja, ganz genau. Früher dachte ich, wenn ich mal in einer Band bin, ein Künstler, dann brauche ich solche Dinge wie Liebe, Nähe, Stabilität nicht mehr. Aber wenn man älter wird merkt man, oh, man ist immer noch ganz normal und hat die gleichen Grundbedürfnisse. Du machst einen Deal mit dem Universum – du gibst viel aber du bekommst auch wahnsinnig viel wieder.

Ich habe gelesen, „King Boy“ ist eine Platte für die Tinder-Generation. Wie meint ihr das?

Ich würde nicht sagen für die Tinder Generation, sondern das, was sie heutzutage ist. Es geht viel um Sex und Liebe. Und das in einer Zeit, wo sich der herkömmliche Modus für Sex und Liebe fast auflöst. Wir haben über das Alter Ego gesprochen. Jeder hat heutzutage eine Online Persönlichkeit. Jeder kann heute jemand anders sein, da geht man auf mit diesen Themen ganz anders um. Dazu hat uns das Internet befähigt.

Ist das aber nicht auch nicht viel Vortäuschen, was man gar nicht ist?

Es gibt dir einfach mehr Möglichkeiten und du kannst mehr ausprobieren. Schau mich an: ich bin das Beste Beispiel.

In dem Zusammenhang über Sex und Liebe hast Du auch gesagt, dass Sex und Tod das Gleiche sind. Wie erklärst Du das?

Beides ist der Anfang und das Ende. In Frankreich sagt man auch zu einem Orgasmus „Le petit mort“, der kleine Tod. Nichts macht dich über deine eigene Sterblichkeit bewusster wie Sex. Wir sprechen über ganz primäre Funktionen, wir sind auf dieser Welt um uns fortzupflanzen. Das beginnt mit dem Sex und endet mit dem Tod.

Ich finde das ist ein sehr schön poetischer Schlusssatz. Vielen Dank für das philosophische Gespräch über das Leben und Eure Platte!

Danke Dir, dass ich das Gespräch mit Dir hier in der Sonne geniessen durfte.

Interview: Kate Rock

Wild Beasts Live:

24.09.16 Hamburg – Reeperbahn Festival
16.10.16 Köln – Luxor
20.10.16 Berlin – Kesselhaus

http://wild-beasts.co.uk/