Ryan Adams im Interview

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Ja guten Tag, sprechen wir denn die gleiche Sprache? Ryan Adams zum Interview zu treffen, ist wie eine Virtual-Reality-Version von „Lost in Translation“. Seine Worte wählt er so überlegt, dass man sich eigentlich gleich ein Fremdwörterbuch zur Hand wünscht. Bei dieser ganzen gut durchdachten Ernsthaftigkeit fällt es fast unter den Tisch, wenn er dann doch mal komplett trocken und ohne die Miene zu verziehen einen Witz macht.

Was passiert bei dir zwischen dem Beenden und Veröffentlichen eines Albums?

Normalerweise ist da erst mal nichts. Dann dreht sich das in etwas Hektisches um und danach meist in eine Tour. Also erst mit Katzen kuscheln, dann über Katzen sprechen und danach ein bisschen Musik spielen. Es ist schon komisch heutzutage Musiker zu sein. Man macht für anderthalb Jahre ein Album, dann bearbeitet man es auf das herunter, was es eigentlich sein soll, und darauf folgt für eine lange Zeit nur das Erklären des Ganzen. Dabei kommt der Punkt, an dem man sich das Album gar nicht mehr anhört, aber immer noch darüber redet.

Dann lass uns gleich bei diesem komischen Gefühl bleiben. Welches Detail des Albums hat dich die meisten Nerven gekostet?

Es ist nie stressig ein Album zu machen. Es ist sogar sehr leicht. Ich bin ganz alleine, mache mein Ding. Das könnte ich immer machen. Ich habe so viele Ideen und gehe richtig in der Arbeit auf. Es ist meine natürliche Umgebung. Weil ich gut darin bin, meine Gefühle als solche anzuerkennen und sie auszudrücken. Ich mag es Klanglandschaften zu erschaffen. Darin bin ich stark. Und ich kann auch gut Gitarre spielen.

Konntest du denn zum Thema Liebe, mit dem du dich auf deinem neuen Album „Prisoner“ beschäftigst, einen neuen emotionalen Zugang finden?

Ich wusste zwar immer genau wie ich mich fühle, aber ich habe andere Typen meiner Emotionen entkorkt und heraufbeschworen – und sie dann genau so, wie sie aus mir herauskamen in Songs umgewandelt. Das sehe ich als meine Aufgabe als Songwriter. Ich habe die Fragen gestellt, von denen ich wusste, dass sie keine Antwort hatten. Das Wichtige war sie so zu stellen, dass sie auf eine romantische Idee anspielen.

Erich Fromm wirft in „Die Kunst des Liebens“ die Frage auf, ob Liebe eine Form der Kunst oder doch einfach nur pures Gefühl ist. Was meinst du?

Das klingt wie ein Songtext von Culture Club. Das solltest du sofort mit Boy George checken. Aber ich denke, dass alle Erfahrungen relativ zu ihrem Subjekt zu sehen sind. Für mich negiert die Frage die Idee, dass Liebe ein geteiltes Gefühl ist. Es negiert auch die Idee, dass es eine Kombination aus zwei Kräften ist – aus zwei Menschen und zwei Perspektiven. Zu fragen, ohne den Rezipienten dazu im Kopf zu haben, ist für mich Betrug. Als wäre das eine singuläre Angelegenheit. Es klingt so, als würde Fromm Liebe objektivieren. Das ist so, als wäre Liebe ein Magnet und man würde fragen, wie kraftvoll dieser ist, obwohl keine weiteren Magneten in der Nähe sind. Weißt du, was ich meine?

Schon. Du und deine Metaphern.

Naja, der eigentliche Punkt von Empathie ist es doch, wirklich herauszufinden, wie sich eine andere Person fühlt und jemals gefühlt hat. Und dafür muss man sich nach ihr ausrichten. Man muss sich auf sie konditionieren und quasi beständig emotionale Gymnastik machen. Das fängt schon bei einem selbst an. Wenn man sich selbst versucht richtig zu verstehen, kann man sich auch besser auf den anderen einlassen. Aber ich mag es nicht, wenn Leute so sprechen, als wäre Liebe eine Kraft für sich allein. Das wäre, als würden wir über die Farbe Grün sprechen. Du kannst mir sagen, was Grün ist und ich kann dir sagen, was Grün ist und wir können auf etwas zeigen, das Grün ist. Aber wir können nicht festmachen, was es ist. Weil deine Perspektive eine andere als meine ist. Es gibt nun mal keinen Spiegel von deinem Gehirn und von dem, was deine Augen für ein Bild erhalten. Wir werden niemals das Gleiche sehen. Und auch nicht das, was Tiere sehen.

Das ist doch echt zu schade.

Ich finde nicht, dass es schade ist. Es zeigt nur, dass es eine Einheit gibt, die von dogmatischem und pseudo-spirituellem Glauben überschrieben ist. Wir springen immer gleich bei glaubensbezogenen Prinzipien auf. Nur um so unsere Individualität zu erklären. Auf die gleiche Weise, wie wir gerne erklären würden, dass eine Einheit existiert. Aber wir haben deshalb keine geteilten Gefühle, auch wenn wir glauben wollen, dass wir sie haben. Und ich glaube, darin sind wir uns ähnlich. Das ist doch besser als wären wir alle aus Versehen gleich.

Ich weiß nicht, ob ich das so gut finde.

Du solltest darüber nachdenken, das ist sehr befreiend. Du musst nicht deinen angeborenen Geist mit jemandem teilen. Es bedeutet, dass du dein eigenes, individuelles Betriebssystem hast und dass du Erfahrungen für dich selbst gemacht hast. So musst du auch kein Verständnis für die momentane Realität, in der du dich befindest, in dir selbst kreieren. Kannst du dem zustimmen?

Nein, noch nicht ganz.

Aber wärst du nicht traurig, wenn ich dir sagen würde, dass du eigentlich Gene Simmons von Kiss bist?

Ganz und gar nicht. Das wäre mein Traum.

Ja, du würdest dich wahrscheinlich fragen: „Wo ist mein Axe-Bass? Das ist Bullshit! Wo sind meine Boots?“

Okay, okay. Lass uns noch mal kurz die Richtung wechseln. Hat sich dein Verständnis von Liebe verändert, je älter du geworden bist?

Ich hatte schon immer ein sehr klar definiertes Verständnis von mir selbst. Und auch für die Liebe, weil sie mir von Leuten gegeben wurde, die ich auch respektierte. Insbesondere von meinen Großeltern. Dank ihnen hatte ich nie Angst, auch mal tiefer zu graben und Dinge genauer zu hinterfragen. Ich war immer in der Lage selbst über mich zu entscheiden – auch wie ich ins Universum passte. Schon damals observierte ich gerne wie Objekte im Universum agieren und wie das Gesetz der Anziehungskraft auch aus der Distanz funktioniert. Das funktioniert heute noch genauso. Und ich denke, ich komme langsam näher daran, das alles zu verstehen. Ich kann gar nicht verstehen, dass nicht jeder rund um die Uhr darüber nachdenkt und dass das nicht die Headline-News überall sind. Anstatt dessen kämpfen wir wie Idioten um Geld.

Du scheinst genau zu wissen, was du von der Welt willst.

Ach weißt du, ich liebe Katzen. Ich mag Vintage-Comicbücher und wenn ich älter bin, möchte ich ein Sturmjäger sein. Dann hole ich mir einen Truck und es geht los. Doch etwas sagt mir, dass mich ein gewisser Jemand nicht diese Stürme jagen lassen wird. Ich glaube, ich werde mich trotzdem rausschleichen und ein paar mitnehmen.

Zum Abschluss noch etwas weniger Abstraktes: Liegen dir Konzerte oder Alben mehr am Herzen?

Ich möchte meine Konzerte so transzendental wie möglich machen. Ich denke, ich kann mit ihnen etwas tun, was ich nicht auf einem Album kann. Aber gleichzeitig liebe ich diesen Kampf, in dem ich die Musik vom Album nehme und sie in diesen Schleudertrauma-Ekstase-E-Gitarren-Wahnsinn umwandele. Es fühlt sich wie ein magischer, hypersexueller, furchtloser Moment der Verrücktheit an. In diesen Augenblicken liebe ich es, dass ich alles andere, was passiert ist, vergessen habe. Ein Album zu machen fühlt sich hingegen oft so an, als würde man etwas gebären. Es ist, als würde man etwas erschaffen, das es bisher nicht gab, und jetzt muss man dem eine Bedeutung zuweisen. So einen Song aus seiner Hölle zu holen und zu einer Art von Wirkung zu formen, ist ein ganz ähnliches Hoch. Konzert und Album sind also gleich unglaublich. Aber ich habe nicht die Perspektive, die andere vielleicht hätten. Meine Platten bedeuten eine Menge für viele Menschen, aber auf eine andere Weise, als sie das für mich in dem Moment tun, als ich sie konstruiert habe. Aber wenigstens live weiß ich, dass ich mit einer anderen Person auf der gleichen Reise bin.

„Prisoner“ erscheint am 17. Februar 2017.

Interview: Hella Wittenberg, Foto: Universal Music