Marilyn Manson, 06.11.15, Columbiahalle, Berlin

Marilyn-Manson-05Marilyn Manson ist ein großer Teil meiner Jugend. Seine Alben „Antichrist Superstar“, „Mechanical Animals“ und „Holy Wood“ begleiteten mich über Jahre hinweg. Seine Person fasziniert mich bis heute über alle Maßen – nur ein Konzert war mir bisher nicht vergönnt. Bis jetzt. Am Freitag durfte ich den Schockrocker auf seiner „The Hell not Hallelujah“ Tour endlich sehen. Er gab sich in der ausverkauften Berliner Columbiahalle die Ehre! Fast schon ein Clubkonzert, wenn man bedenkt, dass er woanders auch Arenen füllt.

Und es begann vielversprechend: Nebelwand, rotes und weißes Blitzlichtgewitter. Die Abfahrt zur Hölle hat begonnen. Wir besuchen den Meister in seiner Heimat. Meine Aufregung steigt ins Unermessliche. Marilyn Manson betritt im schwarzen Mantel, der leicht über seine Wohlstandswampe spannt, und Springerstiefeln die Bühne. Das Make Up sitzt auch, ein schwarzer Kringel ist über die rechte Seite seines Gesichts gemalt. Der Bassist sieht in seinem Kostüm ein bisschen wie der Spaceman von Kiss aus, nur in durchsichtigem Plastik statt silbernem Glanz.

Er fängt mit „Deep Six“ von seinem aktuellem Album „The Pale Emporer“ an, es folgt der erste meiner Lieblingssongs „Disposable Teens“. Er rockt, ich rocke. Alles gut. Es verspricht ein guter Abend zu werden. Er geht hinter die Bühne, zieht sich um und holt sich ein anderes Mikro. Vorher noch mit Schlagring verziert, ist es jetzt ein überdimensionales Küchenmesser. Selbst vom Balkon der Columbiahalle sieht es stumpf aus – seine Andeutung sich damit zu verletzten oder mit der Spitze in den Arm zu stechen wirken eher amüsant als angsteinflössend.

Neues Lied, neuer Mikrophonständer, diesmal ist eine Pumpgun an den Ständer geheftet. Manson läuft über die Bühne, aber wirkt dabei zunehmend planloser. Manchmal haut er gegen Boxen oder verschüttet sein Bier über dem Drumkit und wirft die Flasche dann hinter sich. Dann hat sein Konzert etwas von einem Tennisspiel, wenn der Balljunge schnell losläuft um den Ball vom Netz zu holen. Bei Manson sind es halt Bierflaschen. Ab und zu schmeißt er einen Gitarrenverstärker um – dahinter ist die Fläche schon mit Neontesa markiert und ein Typ sitzt da um ihn direkt wieder aufzurichten. So richtig überzeugend ist seine Wut aus der Ferne nicht.

Wie nach jedem Song verschwindet Manson wieder hinter der Bühne, Oberteil wechseln, Make Up erweitern, aber diesmal dauert es etwas länger. Pausenunterhaltung gibt es nicht – da sollte Manson mal bei anderen großen Popkünstlern vorbeischauen und sich eine Inspiration holen, wie man solche Pausen gut überspielen kann. Umso überraschender wie der Herr dann rauskommt: auf 1m hohen Stelzen und Krücken um „Sweet Dreams“, ein Cover der Eurythmics, zu singen. Völlig absurd wie er da noch ungelenker als zuvor herumstolziert. Was war der Sinn dahinter? Es scheint, er macht das Konzert nur für die ersten Reihen. Das ist auch der Moment, in dem ich das ganze auch nicht mehr ernst nehmen kann. Und nochmals muss ich an KISS denken, die ich im Sommer dieses Jahres zum ersten Mal gesehen habe. Bis heute grusel ich mich vor dem Moment, als Gene Simmons den Dämonen in sich frei ließ und da saß ich noch viel weiter weg.

Was mich dann doch sehr überrascht hat, ist seine Publikumsnähe. Über ein Treppchen geht er immer wieder zur Absperrung und wirft sich förmlich in die Menge um dort zu singen. Dann wurden Fans zu aufdringlich, packten seine Weste etwas zu lange, der Meister wehrte sich. Am Ende des Songs entschuldigte er sich dafür, dass er wohl reflexartig zugehauen hat. Irgendwie schien danach seine Stimmung zu kippen – anschließend sagte er gar nichts mehr zwischen den Songs. Zwischendurch schien er auch immer mal wieder unzufrieden mit der Technik zu sein, deutete Techniker, dass seine In-Ears nicht funktionierten.

Marilyn-Manson-03Bei „Irresponsible Hate Anthem“ kommt mir ein Gedanke, den ich selber nicht fassen kann. Irgendwie erinnert mich Manson an Boy George, so rein äusserlich mit seinem Übergewicht und wie er sich da so ungelenk auf der Bühne bewegt. Nur der Glitzer fehlt, scherze ich meiner Begleitung gegenüber. Als ob er das gehört hätte, kommt Manson in Glitzerhemd und Jackett zurück auf die Bühne. „The Dope Show“ wird gesungen. Ein Tütchen weißes Pulver hat er auch dabei. Ich muss grinsen. Boy George, das weiße Pulver und Marilyn Manson. Das passt.

Das einzige, das am Ende gruselig wirkte, war der Moment an dem Herr Manson seinem Bassisten im Schritt rumfummeln wollte und der Mann an den Saiten versuchte es abzuwehren, während er noch weiter spielte. Vermutlich ist sein bestes Stück heute platt wie eine Briefmarke, so wie er die Beine zusammenpresste. Vielleicht war es auch nicht gruselig, sondern armselig. Ich weiß es nicht. Jedenfalls war es nicht schön mitanzusehen.

Zugabe/-n gab es auch. Glaube ich. Nach „Antichrist Superstar“, performed auf einem Podest mit brennender Bibel, blieb die Bühne lange dunkel. Jeder in der Columbiahalle ging wohl wie ich von einer weiteren zu langen und öden Umbauphase aus, aber anscheinend war es schon das Ende, keine 60 Minuten nach Anfang und kommentarlos. Nach ein paar Minuten kam Manson für „Beautiful People“ zurück auf die Bühne, machte ein bisschen auf stummen Rockstar und brachte seine Fans dazu das überaus doofe „jetzt schreit rechts, jetzt links“-Spielchen zu spielen. Und dann war der Song wieder vorbei.

Dann war es wieder lange dunkel, irgendwann fing das Publikum wieder an zu klatschen. Manson kommt nochmal um „Coma White“ zu spielen. Der Mikrophonständer ist mit roten und weißen Kunstblumen geschmückt, sein Gesicht komplett mit Make Up bedeckt. Der Song geht direkt in den nächsten über, ich freue mich, dass mal zwei Songs am Stück gespielt werden, während meine Begleitung zu mir sagt, dass es jetzt zu Ende sei. Und bevor ich es richtig fassen kann, bauen die Roadies nach nur 70 Minuten auch schon die Bühne ab. Ich bin perplex und unzufrieden mit dem Ende. Das war nicht sehr befriedigend, Erwartungen nicht erfüllt. Eigentlich hat er ja gut gesungen, aber diese ganze absurde Show hat mich so von der Musik abgelenkt, dass ich mich nur ganz am Anfang kurz vergessen konnte. Vielleicht bin ich damit auch alleine. Beim Rausgehen vernehme ich mehrere Stimmen, die sich freuen wie doll Marilyn Manson gerockt habe.

Achja, bevor ich es vergesse. Die Vorband Tüsn war nicht schlecht – musikalisch und optisch. Das Rednerpult des Sängers war ein bisschen cooler und sah auch etwas hochwertiger aus als das von Manson bei „Antichrist Superstar“. Und dann hatte er bei Song „Hannibal“ eine tolle Krone auf, laut meiner Begleitung, die ein paar Tage vorher in der Schaubühne war, wie Richard III.

Wenigstens auf unseren Fotos sieht Marilyn Manson ein bisschen unheimlich aus:

Marilyn-Manson-08Marilyn-Manson-07Marilyn-Manson-06Marilyn-Manson-02www.marilynmanson.com
www.tuesn.de

Worte: Dörte Heilewelt

Fotos: Hella Wittenberg