Interview mit Will Butler

Eigentlich bin ich im Urlaub, als sich mir kurzfristig die Gelegenheit bietet, mich via Skype mit Will Butler zu unterhalten, über sein erstes Soloalbum „Policy“, seine anstehende Europatournee und natürlich, unvermeidlich, über sein Leben als Teil von Arcade Fire, einer der größten Indiebands unseres Planeten. Ich bin in Bayern, er in New York, im Hintergrund hört man seinen Sohn spielen. Es dauert einen kleinen Moment, bis Will Butler so richtig auftaut, aber dann erzählt er mit der für ihn so charakteristischen Begeisterung, er lacht viel und gewährt mir einen Einblick in das von mir bis dato nur aus der Ferne bestaunte Butler Universum.

Du beschreibst Deine Musik gerne als „American Music“. Wie fühlt es sich an, damit zum ersten Mal nach Europa zu kommen?

Es fühlt sich gut an! Ich glaube, es wird gut werden. Die Show macht wahnsinnigen Spaß. Ich habe jetzt eine vierköpfige Band, mit der ich gerade zwei Wochen durch Amerika getourt bin und es ist sehr lustig mit ihnen. Außerdem sind die Clubs, in denen wir in Europa spielen, etwas größer als die in Amerika, das wird auch interessant. Ich habe jetzt in einigen Clubs und Theatern gespielt und bin jedes Mal neugierig wie es läuft.

Es wird gewiss anders als das letzte Mal, als Du mit Arcade Fire in der Berliner Wuhlheide gespielt hast…

Unsere letzten kleineren Shows in Deutschland sind tatsächlich schon eine Weile her. Einige von denen, die wir mit Arcade Fire bei Euch gespielt haben gehören heute noch zu meinen Favoriten. Aber das waren dann immer noch Hallen, in die um die 2000 Leute rein gepasst haben. Und es ist wie gesagt schon eine Weile her (lacht).

Im Anschluss an das Konzert im letzten Sommer habt Ihr ja noch eine Show im Michelberger Hotel gespielt, mit den Phi Slamma Jamma Boys, deren Leadsänger Du bist.

Oh ja, das war der totale Wahnsinn. Aber lustiger Wahnsinn (lacht).

Mit diesem Seitenprojekt habt ihr ja nur Coversongs gespielt. Hat Dich die Arbeit daran auch für Dein Soloprojekt inspiriert? In dem Sinne, dass Du dadurch vielleicht Lust bekommen hast, auch eigenes Material für Dich als Leadsänger zu schreiben?

Ja! Es war auf jeden Fall ein Teil der Inspiration. Es ist ein großes Vergnügen, Songs vor Leuten zu singen, wenn man die Möglichkeit hat (lacht). Das macht natürlich viel von der Motivation aus, auf Tour gehen und live spielen zu wollen, die Aufregung, die damit verbunden ist. Was die Songs im individuellen angeht, da gab es auch Inspiration aus einigen der Songs die wir gespielt haben. Es ist ein intimes Erlebnis, anderer Leute Musik zu spielen. Man denkt manchmal oh, das ist ganz anders als ich es mir vorgestellt hätte. Dein Gehirn bewegt sich in eine andere Richtung als wenn man seine eigene Musik schreibt.

Wann war dann der Moment als das geboren wurde, was heute dein Soloalbum „Policy“  ist?

Um ehrlich zu sein, der ist schon vor langer, langer Zeit passiert, der ursprüngliche Funke. Einige der Songs sind drei bis vier Jahre alt. Allein die Idee Songs zu schreiben war irgendwie schon immer da. Ich habe immer wieder an Songs gearbeitet, manche wurden fertig, manche blieben Fragmente. Irgendwann war einfach die Gelegenheit da. Ich dachte: warte mal! Ich könnte das jetzt fertig machen! Ich kann es wirklich machen! Das war der Spirit, den ich brauchte um die Sache zum Ende zu bringen.

Von außen betrachtet sieht es ja immer ganz erstaunlich aus, man fragt sich, wofür Du die Energie für all das her nimmst. Die ersten Soloshows hast Du ja gespielt, als ihr immer noch mit „Reflektor“ auf Tour wart.

Einen wichtigen Teil dazu trägt bei, dass Arcade Fire inzwischen gelernt haben, sich nicht umzubringen (lacht). Wir haben gelernt wie man Pausen macht, wie man eine Tour organisiert, damit man am Ende nicht völlig ausgebrannt ist. Traditionell macht man so etwas so lang bis man tot ist. Dann verschläft man ein Jahr. Die „Reflektor“ Tour war sehr intensiv, wir haben mehr Shows gespielt als während der „Suburbs“ Tour, aber in einem kürzeren Zeitraum. Wir waren ja weniger als ein Jahr auf Tour. Dann ist es vorbei und man denkt: oh, ich bin noch am Leben! Ich bin immer noch ein Mensch (lacht).

Und dann geht man direkt weiter zum nächsten…

Nun ja, ich bin immer noch jung genug, um damit davon zu kommen. In zehn Jahren muss ich mich zwischendrin vielleicht ein bisschen in einen Schaukelstuhl setzen. Aber solang es noch geht, bin ich dabei.

Du hast also insgesamt recht lange an den Songs auf „Policy“ gearbeitet. Erst kürzlich hast Du ein Experiment für den „Guardian“ gemacht, im Rahmen dessen Du täglich einen Song, inspiriert von einer Schlagzeile geschrieben hast. Wie ist Dein Verhältnis heute zu diesen Songs, die so schnell entstanden sind im Vergleich zu den Albumtiteln? Einige der Guardian Songs hast Du inzwischen auf Deine Live Setlist genommen.

Ja… ich denke, sie funktionieren gut in einer Show. Aber als Songs an sich sind sie nicht so zusammenhängend geworden wie die auf dem Album. So sind sie aber auch komponiert worden. Auch wenn das Album sehr abwechslungsreich geworden ist, ist es insgesamt als Einheit gedacht. Die Guardian Songs sind eher fünf unabhängige Singles und ich bin manchmal regelrecht geschockt, wie anders sie sich anfühlen. Fast so als wären sie in einem ganz anderen Jahr entstanden.

Zum Thema Einheit: „Policy“ ist ja eher kurz geraten, neun Songs, knapp 30 Minuten Lauflänge. Wobei ich mich beim Hören immer gar nicht entscheiden kann ob ich es jetzt kurz finde, weil man es so gerne hört und es, zack, schon wieder vorbei ist. Oder ob es einem eigentlich viel länger vor kommt, weil es so abwechslungsreich ist und einem in der kurzen Zeit so viel erzählt.

Danke! Das ist eins der Ziele das ich hatte und es freut mich zu hören, dass es funktioniert. Das ist die Idee hinter lyrischer Poesie, sie ist kurz, aber jede Zeile steht für sich selbst. Es kann ein wunderbares Erlebnis sein, ein kurzes Gedicht zu lesen, das noch nicht einmal eine Seite lang ist. Im Gegensatz zu einem epischen Gedicht, das hat wiederum eine andere Zeitlosigkeit (lacht).

Aber war es von Anfang an geplant, dass „Policy“ so werden würde, kurz und knackig?

Ich wollte, dass das Album sich so anfühlt, als ginge man an einen anderen fremden Ort. Hinterher kann man sich aber an jedes Detail erinnern. Irgendwo um die 30 Minuten Marke rum ist man an dem Punkt, dass man alle Musik in seinem Kopf hat und sie dort auch behalten kann. Ein längeres Album ist wieder eine andere Reise. Weniger dieses Hüpfen zwischen den Dimensionen (lacht).

Was ich auch sehr an Deinem Sologang im Gesamten mag ist, dass Du das Pure Deiner Musik mit einer gehörigen Portion Style verbindest. Du trägst einen Anzug auf der Bühne, Deine Musiker und Deine Background Sängerinnen sind auch super schick, Deine Videos sowieso. Wie wichtig ist Dir diese Stilkomponente? Suchst Du danach oder ist es etwas, das automatisch passiert?

Um ehrlich zu sein, ich bin gleichermaßen schockiert und begeistert, wie die Band sich entwickelt hat. Ich wusste ich will es klein halten, Drums, Bass und Backgroundgesang. Das war die Idee, aber sie hat sich weit über meine kühnsten Träume hinaus entwickelt. Wir sind eine viel stärkere Einheit als ich es ursprünglich gedacht hätte. Die einzige Band in der ich jemals war ist Arcade Fire. Ich wusste also nicht, wie es sich mit einer anderen Band anfühlen würde.

Mit so einer Erfahrung im Rücken stelle ich es mir gar nicht so einfach vor, die richtigen Leute zu finden, mit denen man arbeiten kann und möchte.

Es war absurd einfach. Die Bassistin ist die Schwester meiner Frau (lacht). Ich dachte: mach mit mir Musik, ich vertraue Dir als Person (lacht). Es hat zum Glück funktioniert. Die allerersten Shows habe ich allein gespielt, nur ich an der Gitarre. Dann habe ich das ergänzt um Drum Machine, Klavier und zwei Background Sängerinnen. Meine ersten Background Sängerinnen waren meine Frau und ihre Freundin Sara. Heute sind es Sarah und die Schwester meiner Frau. Sie sind alle zusammen auf die gleiche Highschool gegangen.

Oh wirklich? Das ist ein bisschen so als würde man zusammen zum Abschlussball gehen. Vielleicht kommt der Style daher.

(lacht) Das stimmt. Könnte sein.

Das bringt mich aufs Tanzen. Deine Bewegungen sind sehr ausgefeilt und sehr speziell. Hast Du je Unterricht im Modern Dance gehabt? Oder bist Du damit geboren?

(lacht) Ich habe auf dem College ein paar Tanzerfahrungen gemacht, zusammen mit meiner Frau, die Tänzerin ist und meinem Zimmergenossen, der mich wiederum meiner Frau vorgestellt hat und ebenfalls Tänzer ist. Ich bin damals einfach viel mit Tänzern zusammen gewesen. Aber ich habe nie wirklich Stunden genommen. Aber weißt du was? Das größte was mir in dem Zusammenhang passiert ist war, als Arcade Fire während der „Funeral“ Tour zusammen mit David Byrne „Naive Melody“ gespielt haben. Neben David Byrne auf der Bühne zu stehen, das war der Moment wo ich dachte: Oh! Ah! So bewegt man sich also! (lacht) In allem steckt also eine große Portion David Byrne.

Was man auch in Deinem Gesang hört, finde ich. Ich wollte Dich schon fragen, ob David Byrne da eine Inspiration war.

Ja, ich habe versucht, mit meiner Stimme zu spielen. Es macht Spaß mit verschiedenen Welten zu experimentieren. Er ist ein unglaublicher Sänger. Der beste, den man sich vorstellen kann.

Unsere Zeit ist leider schon vorbei. Aber es gibt eine letzte Sache, die ich Dich fragen wollte. Wie hältst Du es mit Erwartungen, wenn Du an eine Sache zum ersten Mal ran gehst? Stapelst Du eher tief und lässt Dich vom Positiven überraschen oder bist Du ein Freund des gepflegten Größenwahns und setzt Deine Erwartungen beim Größten an, das Du Dir vorstellen kannst?

(überlegt) Ich halte mich eigentlich für sehr selbstbewusst (lacht). Ich strebe also nach dem Größtmöglichen. Bei meinem Glück aber, wie die Dinge sich immer entwickelt haben, hatte ich nie wirklich Erwartungen an etwas. Ich bin immer überrascht worden. Aber wenn ich einen Song schreibe, denke ich gerne: oh, das ist offensichtlich ein Nummer Eins Hit! (lacht) Das wird überall im Radio laufen. Und am Ende bin ich überrascht wenn es einer einzigen Person gefällt. Oh wow, es gefällt jemandem, das ist großartig! (lacht) Ich pflege also beides, den Größenwahn und die Bescheidenheit.

Interview: Gabi Rudolph

Will Butler Live:

15.04.2015 Köln – Luxor
16.04.2015 Berlin – frannz Club

www.butlerwills.com