Interview mit Poor Nameless Boy

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Poor Nameless Boy zählt zu meinen liebsten Neuentdeckungen diesen Jahres. Sein aktuelles Album „Bravery“ läuft bei mir rauf und runter. Beim Reeperbahn Festival habe ich mir gleich zwei seiner Sets angesehen, seine Art auf der Bühne ist mitreißend und bewegend. Joel Henderson, wie der arme namenlose Junge eigentlich heißt, erzählt amüsante und weniger amüsante Geschichten zwischen seinen Songs. Ich habe es mir nicht nehmen lassen mich mit ihm hinzusetzen und über seine Musik zu reden.

Ich fand es eben total toll, dass du beim Singen auf der Bühne immer ein Lächeln auf den Lippen hattest. Mit der Musik, die du machst, kann das auch schwer sein.

Dankeschön. Es ist schon schwer, weil ich ja nicht über leichte und einfache Themen singe. Ich denke, es ist wichtig in den schweren Zeiten auch zu lächeln.

Ich höre das auch in deiner Musik und die Wärme deiner Stimme fühlt sich wie eine Umarmung an. Hast du hart daran gearbeitet deine eigene Stimme zu finden? Ich kenne ein paar Singer Songwriter, die am Anfang immer wie jemand anders klingen wollten.

Es war nicht unbedingt so schwer eine Stimme zu finden, es war schwerer herauszufinden was ich überhaupt sagen will. Als ich das herausgefunden hatte, kam das Singen ganz natürlich. Wenn man Lieder singt, die nicht natürlich von einem kommen, dann ist es hart seine Stimme zu finden. Ich finde ich habe da ein bisschen Glück gehabt. Ich singe über Sachen, die mich bewegen und mir wichtig sind.

Du hast auf der Bühne öfters die Geschichten zu den Songs erzählt, die alle persönlich sind. Sind deine Songs immer persönlich?

Ein wenig. Selbst die letzten Songs, die ich vorhin gespielt habe, handeln davon, dass man nachdem man eine harte Zeit durchlaufen hat wieder fröhlich ist. Als ich angefangen habe es zu singen hat es sich so schön angefühlt und ich musste dann einfach vom Mikro zurücktreten und es herausschreien. Es ist einfach dieses intensive Glücksgefühl nach dem Motto „Ich habe es geschafft, ich bin damit durch, Das ist großartig!“ Das war sehr persönlich. Insbesondere bei diesem Song kenne ich ein paar Leute, die sich damit identifizieren können. Es ist auch der Lieblingssong meiner Managerin.

Wie fängst du an einen Song zu schreiben? Texte zuerst oder die Musik oder hängt es vom Song ab?

Normalerweise beides zur gleichen Zeit. Klassisch ist das bei Songwritern so – und ich mache das auch so: man hat eine Idee, die man entwickeln will. Ich spiele etwas auf meiner Gitarre, von dem ich denke, dass es zur Stimmung des Songs passt, den ich schreiben will. Ich schreibe also nicht unbedingt die Akkorde, die zu einem Text passen. So fängt es dann an. Und dann fange ich an mit dem Text zu spielen, den ich schreiben will.

Hast du einen Prozess, wenn du einen Song schreibst?

Ja, ich denke, es ist wie ein Gespräch mit jemand anderem. Für mein letztes Album habe ich ein paar Songs geschrieben, die alle eher in die traurige Richtung gingen. Ich habe aber festgestellt, dass ich nicht wollte, dass dieses ganz Gespräch nur traurig ist. Ich will auch Freude. Also, habe ich mich hingesetzt, bin die Sachen durchgegangen und habe sie Schritt für Schritt aufgebaut und sie als Ganzes veröffentlicht. Ich glaube fest an das Album als Gesamtkonzept und nicht nur als eine Ansammlung von Songs. Ich möchte, dass sich der Hörer so fühlt als ob er alles durchlebt hat, wenn er das Album gehört hat.

Heutzutage muss man ja immer eine Single auf dem Album haben und auch drauf achten, dass da wirklich eine ist. Bei deinem Album habe ich ein sehr fließendes Gefühl.

Es gibt trotzdem noch Singles. Die CBC in Kanada spielt „Atlantic Ocean“ sehr viel. Und „River and Trees“ kriegt Aufmerksamkeit und wird bei Sirius xm viel gespielt.

Ich meine, ich hatte nicht das Gefühl, dass es ein Tief gibt in der Art wie mich deine Songs bewegen. Ich hab es ein paar Mal durchgehört und es gab keinen Song, den ich überspringen wollte. Ich will alles hören. Normalerweise überspringe ich auch gerne mal einen Song.

Das ist das Ding mit Popalben und solchen Sachen. Es gibt ein paar richtig gute Songs und einige sind zwar gut, aber… Manchmal überspringe ich auch einige meiner eigenen Songs. Das hängt von meiner Stimmung ab und wie ich mich fühle. Einige Menschen haben mir gesagt, dass mein Album ein Stimmungsalbum ist. Sie legen es bei einer bestimmten Stimmungslage auf wie zum Beispiel nachts, wenn sie zur Ruhe kommen wollen oder sie sich entspannen wollen oder als Hintergrundmusik, wenn sie was lesen wollen. Solche Zeiten halt. Ich mag das. Eine Freundin von mir, die in einer Kindertagesstätte arbeitet, hat erzählt, dass sie es zur Nickerchenzeit auflegt und die Kinder schlafen direkt ein. Ich dachte, das ist ein großes Kompliment.

Ist es auch! Ich schlafe nur zu Musik ein, die ich liebe! Ich habe gelesen, dass dein Vater ein Tourmusiker ist und dein Bruder macht auch Musik. War es immer schon klar, dass du auch Musiker werden wirst?

Nein, überhaupt nicht. In der Familie machen wir da oft Witze drüber. Mein Vater war Musiker. Er war für 18 Jahre auf Tour. Er war der Frontmann einer Band. Sie wollten eine Band gründen und brauchten einen Frontmann, jemand mit einem sehr unterhaltsamen Charisma und das war mein Vater. Er war jeweils für vier Jahre bei vier verschiedenen Bands und zwischendurch noch ein paar anderen Projekten. Das war sein Leben. Meine Mutter ist Lehrerin. Ihr Motto ist Bildung, Bildung, Bildung. Also sind mein Bruder und ich zur Schule gegangen, haben beide Abschlüsse gemacht und sind Musiker geworden. Wir haben es also unserer Mutter recht gemacht und unser Dad ist ebenfalls glücklich. Und wir haben beide Glück, dass wir unsere Diplome auch nutzen können. Mein Bruder hat einen Abschluss um Englisch unterrichten zu können und ist Vertretungslehrer, wenn er nicht auf der Straße ist. Er ist Countrymusiker. Er mag es immer noch sehr zu unterrichten. Und ich habe einen Abschluss in Jugendarbeit und arbeite Zuhause in einer Einrichtung für Jugendliche. Wenn ich mal nicht auf Tour bin, fragen sie mich, ob ich dort wieder arbeite.

Das ist cool. Da behält man Bodenhaftung.

Und es ist auch eine Gemeinschaft. Man kommt nach Hause und weiß, dass man in die Arbeit, die sie angefangen und weitergeführt haben, wieder eintreten kann. Das ist nett.

Ich habe gehört, dass es in Saskatchewan nicht viel zu tun gibt. Ich kenne einige gute Bands aus der Gegend und freue mich wenn ihr nichts zu tun habt und Musik macht und dann rüber kommt und ich euch live sehen kann.

Es gibt nicht viel für Touristen. Wir haben ein Footballteam, das jeder liebt, aber das ist es auch schon. Saskatchewan ist bekannt als Land der lebendigen Himmel, weil wenn man den Highway entlang fährt ist alles so flach, dann man sehr viel Himmel sieht. Bei Sonnenuntergängen und Stürmen ist es großartig. Für solche Sachen ist es toll.

In Berlin muss man dafür noch hoch genug gehen. Es hängt von der Etage auf der du dich befindest ab.

Ich habe schon hochgeguckt. Ich liebe die Architektur hier. Es ist so anders.

Ja, ich weiß. Ich erinnere mich noch als ich das erste Mal in den USA war. Das war mind blowing. So anders. Und es gibt auch einen Unterschied zu Kanada.

Für mich ist es hier sehr nett. Ich habe keine Daten aktiviert für mein Handy und muss mich demnach überhaupt nicht um mein Telefon sorgen. Wenn mich Leute erreichen wollen, dann geht das erst, wenn ich einen Ort mit WLan gefunden habe. Ich laufe also nur rum und schaue mir Sachen an. Das ist beruhigend. Mein Label kümmert sich um alles andere.

Dann solltest du öfter herkommen. Das klingt ja wie Urlaub!

Das hoffen wir. Es ist wirklich wie Urlaub. Mir würde es jedenfalls nichts ausmachen.

Was ich mich auch gefragt habe: Du hast eine wunderbare Backgroundsängerin auf deinem Album. Wer ist das und war es von Anfang an geplant jemand anderen mit auf dem Album zu haben?

Auf dem letzten Song des Albums singt eine Freundin von mir. Ihr Name ist Denise Valle und sie kommt aus Saskatoon, Saskatechewan. Ich hab den Song mit ihr im Hinterkopf als Duett geschrieben. Ich wusste, dass sie den Inhalt verstehen würde und ich liebe ihre Stimme. Auf dem Rest des Albums singt eine andere Freundin von mir. Sie heißt Tenille Arts und ist eine kanadische Countrymusikerin. Sie lebt jetzt in Nashville und arbeitet dort als Sängerin. Sie hat eine meiner liebsten Stimmen. Sie ist so pur und ehrlich. Ich liebe ihre Stimme und sie bei den Harmonien hinzuzufügen war eine Freude für mich.

Ich mag Frauenstimmen ja nicht allzu oft, aber ihre Stimme hat einen schönen und warmen Ton. Eure Stimmen passen wirklich gut zusammen.

Sie ist sehr talentiert und baut ihre eigenen Sachen aus. Es wird nicht lange dauern bis die Leute so etwas sagen wie „Was? Du hattest sie auf deinem Album?!“ Naja, einige sagen das jetzt schon. Sie ist wirklich gut. Und ich liebe sie auch als Person. Ich durfte mit ihr auf einem Festival im vergangenen Sommer zusammen auftreten und habe sie lange nicht mehr gesehen. Es war großartig mal wieder zu quatschen.

Mit so einem schönen Album und allem drum und dran: Wieso hast du dich eigentlich Poor Nameless Boy genannt? Ich habe den Namen gelesen und wollte dich umarmen. Auf eine Art klingt es so einsam, aber am Ende hört sich deine Musik überhaupt nicht so an.

Es gab mehrere Gründe. Ich habe versucht mir einen Namen auszudenken, weil ich nicht mit meinem eigenen Namen starten wollte. Mein Bruder ist Musiker, mein Dad war Musiker und es kam mir der Gedanke, wenn ich anfange, dann wissen die Leute gleich was sie gemacht haben. In anderen Städten und Ländern wissen sie vielleicht nicht wer sie sind, aber innerhalb unserer lokalen Gemeinschaft wollte ich mein eigenes Ding machen. Also habe ich versucht mir einen Namen auszudenken, als mein Dad leichten Herzens beim Kaffee scherzte „oh, armer namenloser Junge“. Ich dachte, das könnte doch ein Name sein. Er blieb bei mir hängen und ich mochte ihn sehr. Was ich immer zu sagen pflege: Es ist egal wohin du gehst oder was du machst, es sollte keine Rolle spielen ob du reich und berühmt bist. Arm und namenlos ist ok solange du deine Songs singen und deine Musik spielen kannst. Und die andere Seite war: Es gab einen Artikel und in dem stand etwas worüber ich nie nachgedacht habe, aber was ein schöner Gedanke war: Der Autor sagte, dass ich aus dem Weg gehe, so dass man sich selber mit dem Song identifizieren kann. Das fand ich sehr nett. Man vereinnahmt einen Song nicht wenn man zurücktritt als jemand, der arm und namenlos ist. Das gehört dann dem Hörer. Daran habe ich vorher nicht gedacht, aber ich empfand es sehr demütig und nett, dass er das gesagt hat und ich hoffe, dass das auch ein Teil davon ist.

Vielen Dank für deine Zeit, Joel.

Zum Abschluss noch meinen liebsten Livesong „River & Trees“:

http://www.poornamelessboy.com

Interview & Foto: Dörte Heilewelt