Interview mit Petter Stakee von Alberta Cross

alberta-cross-alberta-cross-8330Fast möchte man bei Alberta Cross von einer neuen Band sprechen, so viel hat sich beim dritten selbstbetitelten Album „Alberta Cross“ geändert. Alte Verträge und der Einfluss der Industrie wurden hinter sich gelassen und die Wege von Petter Ericson Stakee und Terry Wolfers, die beiden Gründungsmitglieder von Alberta Cross trennten sich. Jetzt führt Stakee die Band alleine. Nicht ganz alleine. Mit an Bord sind Freunde, mit denen er die Songs in nächtlichen Jams zusammen spielte. Für die Aufnahmen zogen Stakee und Freunde in eine alte Kirche in der Nähe von Woodstock, Upstate New York. Das Ergebnis ist ein Album voller wohlig warmer Melodien, geerdet und zum Dahindriften. Ein Album für die grauen Tage. An einem solch grauen und kalten Tag habe ich mit Stakee im Ramones Museum bei Kaffee und Bier hingesetzt um über die Platte, Jazz und den Vorteil, wirklich gute Sessionmusiker als Freunde zu haben zu reden.

Ich mag das neue Album sehr. Ich kannte deine Musik vor diesem Album noch nicht und als ich mir dann das alte Material angehört habe, dachte ich nur „Was zum Teufel ist das?“. Ich finde dich jetzt natürlicher.

Es hat jetzt einen natürlicheren Vibe.

Sollte das so sein?

Das letzte Album war viel produzierter, es wurde in L.A. aufgenommen und hat einen industrielleren Vibe. Das L.A. Album, das wir machen sollten, aber ich nicht machen wollte. Bei diesem Album bin es nur ich, der sich auf sich selber besinnt. Normalerweise mache ich nicht alles selber, aber dieses Mal habe alles ohne den Beitrag von anderen geschrieben und haben es mit einem Freund zusammen selber produziert. Es kommt also von mir. Ich hatte das Gefühl, dass es Zeit dafür war.

Ich fand es sehr interessant, dass du dich so zurück besinnt hast. Du bist dann ja auch für die Aufnahmen in eine ehemalige Kirche gegangen und hast es dort live eingespielt.

Ja, vieles wurde live in der Kirche aufgenommen. In New York haben wir dann noch weitere Spuren hinzugefügt. Aber das Hauptgefühl ist live. Wir haben die Basics live aufgenommen und dann noch die Bläser und so weiter hinzugefügt, aber es hat dennoch ein ziemliches Livegefühl.

Es hört sich sehr live an und es hört sich auch sehr groß an. Man kann dem Album anhören, dass es in einem großen Raum aufgenommen wurde.

Das war die Absicht.

Ist es schwieriger in einem großen Raum wie eine Kirche aufzunehmen, wenn du sonst eher in einem kleinen Studio bist?

Tatsächlich war es ein Musikstudio, das in eine Kirche gezogen ist.

Und wie war es für dich da aufzunehmen?

Spirituell. [lacht] Aber es gab viele Faktoren für uns. Wir leben in Brooklyn. Zum Einen war es sehr nett mal aus der Stadt rauszukommen. Sie liegt im Wald. Es ist mitten im nirgendwo, da kann man sich gut konzentrieren und dann noch diese große alte Kirche, die ein Musikstudio ist. All diese verschiedenen Aspekte machten das alles ziemlich entspannend. Aber wir hatten immernoch die Energie der Stadt in uns, wir kamen ja direkt daher. Es ist nur anderthalb Stunden entfernt. Wir haben etwas Rotwein gekauft und uns für fünf Tage weggeschlossen. Wir haben viel live aufgenommen. Ich wollte es sehr schnell machen.

Wieviel hast du mit der Band erarbeitet bevor du ins Studio gegangen bist? Ich habe gelesen, dass du nicht unbedingt der Typ für Proben bist.

Ich habe viel Zuhause geschrieben und dann hatten wir in New York all diese geheimen Jams im East und West Village, zu denen ich auch meine Songs mitgebracht habe. Ich habe sie dort einfach mit ein paar Freunden ausprobiert, ohne dass sie die Songs kannten. Es war sehr locker. Das sind so verrückte New Yorker Session Typen, die einfach so unerhört gut sind, dass sie die Lieder nicht kennen müssen. Sie spielen sie trotzdem. Sie sind gut auf eine soulvolle Art. Sie sind vermutlich auch technisch gut, aber ich bin nur hinter dem Soul her. Sie spielen mit so viel Seele. Ich brauche nicht zu Proben, weil sie so gut sind. Das ist sehr gut für mich. Je mehr man die Stücke probt, desto mehr verlieren sie ihre Seele. Eine Probe ist ok, aber ich möchte es nicht zu sehr bearbeiten.

Dann brauchst du wirklich gute Musiker, wenn du das so machst. Wie viele Takes hast du pro Song gemacht?

Wir machen das wie James Brown: First Take is Jesus. Wir sind zwar keine Christen, aber es ist ein guter Spruch. Es ist auch wahr: Beim ersten Take fühlt es jeder. Man muss es in den ersten paar Takes schaffen, manchmal dauerte es zwei oder drei bis man alles herausgefunden hat. Aber meistens war es der erste. Bei manchen dauerte es einfach länger weil sie produktionstechnisch intensiver waren als andere, wie zum Beispiel „Beneath My Love“ und „Isolation“ wegen dem Beat. Andere Songs sind dafür ziemlich direkt, textlich und auch produktionstechnisch.

Ich mag „Isolation“ sehr gerne. Als ich das zum ersten Mal gehört habe, fand ich es trotz des Titels wegen der Melodie einen Feel-Good-Song. Aber ich empfinde auch das gesamte Album melodisch als recht positiv, textmäßig weiß ich es noch nicht – liege ich da falsch?

Einige der Texte sind ziemlich düster. Das ist trotzdem cool. Manchmal kann es düster sein, aber ich will nicht bummed out sein, also wenn man sich trotzdem ein positives Gefühl raus ziehen kann auch wenn die Texte düster sind, ist das eine gute Sache.

Bei mir kommen Texte beim Verständnis von Liedern immer recht spät. Ich muss sie erst lesen bevor ich alles verstehe. Normalerweise folge ich der Melodie, der Musik.

Das geht manchen Menschen so. Mir geht das auch so. Manchmal höre ich nur dem Vibe eines Tracks zuerst und erst als zweites widme ich mich den Texten. Ich bin dir da also ganz ähnlich.

Ich habe einige deiner Texte und auch ganz viele Interviews mit dir im Vorfeld gelesen. Du warst ja sehr erschöpft vom Touren und so. Da wirkte es auf mich, als ob deine Texte nicht von einer Person handeln, sondern von deiner anderen Liebe, der Musik. Aber da kann ich auch völlig daneben liegen und es hört sich jetzt auch etwas merkwürdig an, wenn ich das laut sage.

Ich glaube, ich weiß was du meinst. Ich hab zu viel getourt. Es war einfach zu viel und ich hatte einen kleinen Burn Out. Und dann hatte ich das Gefühl, ich muss einen Schritt zurück gehen, die Balance wiederfinden und mich von allem etwas zurückzuziehen und relaxen. Ich wollte einen guten Weg finden zu touren ohne es zu übertreiben. Es ist sehr leicht zu viel zu machen, besonders die Leute aus der Industrie wollen, dass du die ganze Zeit auf Tour bist. Mein Plattenlabel wollte, dass ich die ganze Zeit toure, weil mich dann mehr Leute sehen. Aber wieviel ich touren kann, liegt bei mir. Und vorher war ich eher so: „Lass uns die Tour machen und bei der einspringen“. Da haben einige einfach keinen SInn gemacht. Jetzt will ich Touren machen, die Sinn machen. Ich hab viel gelernt, aber es war einfach zu viel.

Hat sich die Art wie du Songs schreibst verändert seit du angefangen hast? Früher hast du zwar auch alles selber geschrieben, aber da hattest du auch einen Partner, der dir Feedback gegeben hat.

Das hat sich verändert. Ich habe mit Terry [Wolfers] immer Ideen hin und her gespielt. Das mache ich jetzt nicht mehr. Das ist auch die größte Veränderung.

Ist es nicht tricky dieses direkte Feedback nicht mehr zu haben?

Ich denke es ist mittlerweile OK, ich bin älter und auch selbstsicherer geworden. Ausserdem habe ich eine Menge guter Freunde mit denen ich Ideen austausche. In New York habe ich ein paar sehr gute Freunde, deren Meinung ich vertraue. Als erstes schreibe ich die Texte und ich sortiere sie erstmal aus. Mein Filter ist schon extrem. Wenn ich 20 Ideen aufschreibe, kommt vielleicht eine durch. Durch mein eigenes Sieb zu kommen ist also schon ziemlich hart und dann kommt noch der Filter meiner Freunde. Vielleicht. Oder wenn ich die Songs als stark empfinde, dann nehme ich sie auch auf. Wenn ich sieben auswähle und ich muss noch die letzten zehn raussuchen um eine letzte Liste für die Aufnahmen erstellen, das ist der Zeitpunkt an dem meine Freunde dazukommen und ihre Meinung abgeben.

Gehst du irgendwann auch zu den Ideen zurück, die du im Vorfeld aussortiert hast?

Absolut. Zumindest bei einigen. Manchmal höre ich mir die Ideen auch nur an und das wird dann die Inspiration für was neues.

Bist du manchmal auch überrascht, wenn du deine alten Sachen hörst und denkst „das war ja gar nicht so schlecht“ oder siehst du immer noch die Dinge, die dir damals schon nicht gefallen haben?

Das kommt in Wellen, was funktioniert. Es ist von Zeit zu Zeit verschieden.

Ich mag die Bläserfraktion auf dem Album sehr gerne.

Der Typ, der sie auf dem Album spielt, kommt auch mit auf Tour. Er hat all diese Effekte, die eine Person wie eine ganze Bläserfraktion anhören lassen. Bläser sind cool. Ich habe bisher noch keine genutzt, aber auf diesem Album sind wir ein wenig über die Stränge geschlagen. Die Bläser sind zu den Jams gekommen und sie waren so großartig. Das kommt aus der Jazzrichtung. Das habe ich nie wirklich gehört. Aber jetzt höre ich alte Coltrane, Monk oder alte Miles Davis Alben – das ist das beste Zeug überhaupt. Ich habe mich früher immer von diesen Alben ferngehalten, weil ich immer dachte „eew, Jazz“. Wenn man sehr jung ist, findet man das nicht cool. Aber diese alten Alben sind die gefühlvollsten Sachen überhaupt. Sie kommen direkt aus der Seele. Das höre ich in New York zur Zeit am meisten. Diese ganzen alten Vinylplatten.

Alles was man braucht.

Alles was man braucht, besonders jetzt im Winter. Sich wegschließen und diese Alben hören.

Das funktioniert mit deinem neuen Album auch.

Ja, als ich jetzt nach Berlin gekommen bin, war es sehr kalt in den letzten beiden Tagen. Ich habe ein paar Sessions gespielt und das Album fühlt sich wirklich gemütlich an, wenn ich es spiele. Es ist wohl ein Winteralbum. Ich dachte, es sei ein Sommeralbum, aber da lag ich wohl falsch.

Vielen Dank für das Interview, Petter! Wir sehen uns aus der Tour.

Das gleichnamige Album von Alberta Cross ist bereits bei uns erschienen. Ende des Monats gibt es noch die Gelegenheit Petter mit seiner Band inklusive einer Ein-Mann-Bläsersektion live zu sehen:

31.01., Berlin, Musik & Frieden
01.02., Hamburg, Molotow

http://www.albertacross.net/

Interview: Dörte Heilewelt