Interview mit Peter Bjorn and John

Peter Bjorn and JohnBereits vor zehn Jahren brachten Peter Bjorn and John mit ihrer Hitsingle „Young Folks“ die Indiemeute dazu, sich die Seele aus dem Leib zu pfeifen. Das ging selbst an Kanye West nicht vorbei, der sich seine eigene Coverversion zusammen pfiff. Jetzt haben die drei Schweden frisch ihr neues Album „Breaking Point“ raus gebracht. Ein Wendepunkt? Auf jeden Fall das poppigste Album der Band in ihrer mehr als 15 jährigen Karriere. Warum sie das genau so wollten und warum sie in diesem Fall den Vergleich mit Schwedens Pop-Übermacht ABBA nicht scheuen, haben uns Peter, Bjorn und John im Interview erzählt.

Als ich das Cover eures neuen Albums „Breaking Point“ gesehen habe, ist es mir wieder aufgefallen. Es finden sich immer drei Elemente darauf, diesmal ein Hammer mit drei Köpfen.

Peter: Richtig. Und auch die Albumtitel haben alle etwas gemeinsam. Zwei Wörter, drei Silben.

Writer’s Block…

Peter: Living Thing, Falling Out, Gimme Some… So clever! (lacht) Okay, unser allererstes hieß Peter Bjorn and John.

John: Das müssen wir bei Gelegenheit dann mal umbenennen.

Entwickeln sich diese Spielereien mit der Zeit eher zufällig oder hattet ihr von Anfang an ein klares Konzept was das angeht?

Peter: Wir hatten „Falling Out“ veröffentlicht, da kam uns beim dritten Album die Idee mit den Titeln.

John: Man kann das auch noch weiter treiben. Im ersten Wort haben wir immer ein i drin. Deshalb habe ich diesmal Breaking Point vorgeschlagen.

Peter: Ich finde, Regeln wie diese machen es irgendwie einfacher. Und es hält das Werk hübsch zusammen.

„Breaking Point“ ist euer siebtes Album in fast 17 Jahren Bandgeschichte.

Peter: Ja, fast. Das erste Album haben wir 2002 raus gebracht. Aber es stimmt schon, die Band haben wir um 1999, 2000 rum gegründet. Es ist nicht so richtig deutlich festzulegen (lacht). Jetzt zuletzt hatten wir auch gut vier Jahre Pause.

Wie kam das? Was habt ihr in der Zeit gemacht?

Peter: Erstmal hatten wir ein Jahr richtig Pause. Es gab ein paar Verletzungen in der Band. Unser letztes Album „Gimme Some“ war ein recht energetisches Album, viele schnelle Songs, ein bisschen punky. Und wir sind nicht mehr zwanzig, nach der Tour waren wir ziemlich durch und zum Teil auch verletzt.

Wirklich?

Peter: Ja, ganz ernsthaft. Wir mussten erst einmal wieder in Form kommen und Muskeln aufbauen, bevor wir wieder spielen konnten.

Wie genau habt ihr euch denn beim Spielen verletzt?

John: Das willst du nicht wissen (lacht). Wir haben in der Zeit aber auch Kinder bekommen.

Peter: Dann haben wir uns ans Schreiben gemacht und auch hier hatten wir diesmal ein starkes Konzept. Keiner der Songs sollte zum Beispiel länger als vier Minuten sein. Das haben wir tatsächlich hin gekriegt. Außerdem wollten wir richtige Popsongs schreiben, mit Tiefe und guten Texten. Also wollten wir uns gemeinsam gut auf das Songschreiben konzentrieren und dann erst die Produktion mit ins Boot holen. Dieser ganze Prozess hat eine Weile gedauert, länger als wenn man vom Schreiben direkt ins Aufnehmen übergeht.

Bjorn: Ehrlich gesagt hat es erst gar nicht so lange gedauert. Aber die ersten Songs die wir fertig hatten klangen einfach nicht gut (lacht). Dann ist uns klar geworden, dass wir mehr Zeit brauchen um mehr auszuprobieren, mit verschiedenen Produzenten. Das hat nochmal ein Jahr gedauert. Wir haben im Prinzip die ganze Zeit dran gearbeitet. Außerdem haben wir unser eigenes Label gegründet, Ingrid. Alleine dafür den Namen zu finden hat drei Wochen gedauert (Gelächter).

John: Clamydia Pizza Records stand eine Weile im Raum.

Peter: Das wollten wir wirklich! Außerdem haben wir ein neues Management gesucht. Wir haben quasi Vorsprechen für Manager abgehalten. Das hat auch seine Zeit gedauert (lacht).

Es ist auf jeden Fall auffällig, dass „Breaking Point“ ein viel poppigeres Album geworden ist als „Gimme Some“. Habt ihr das gemacht, damit ihr euch beim live spielen nicht mehr verletzt? (Gelächter)

Peter: Es sind immer noch ordentlich Gitarren auf dem Album, sie springen einen nur nicht mehr so an. Ich dachte erst genauso wie du, aber als wir angefangen haben die Liveversionen zu üben, ist mir aufgefallen, dass ich als Gitarrist durchaus viel zu tun habe. Es ist nur nicht so offensichtlich. Was die Instrumentierung angeht hatten wir gar keine Regeln, wir haben alle möglichen Instrumente genutzt.

Bjorn: Wir haben auch mit mehreren Producern gearbeitet und jeder bringt an Instrumenten mit rein worin er am besten ist.

John: Das war sehr interessant und inspirierend, wie persönlich ein Sound sein kann. Was jemand anderes einem Instrument entlockt ist oft ganz anders als das, was wir damit gemacht hätten. Das hat viel Spaß gemacht, so viele neue Referenzen, viele neue Vibes. Viele Sounds wären wir nie auf die Idee gekommen zu nutzen.

Ich stelle es mir trotzdem gar nicht so leicht vor, einen Produzenten zu finden, der genau mit dem auf einer Linie liegt, das man sich vorstellt, vor allem wenn man als Band schon so lange zusammen arbeitet wie ihr.

Bjorn: So eine Zusammenarbeit bedeutet viel „hit and miss“, das bekommt der Hörer ja gar nicht mit, er kennt nur das Endprodukt. Man probiert viel aus und verwirft vieles auch wieder. In unserem Fall waren wir hinter bestimmten Producern für bestimmte Songs hinterher, wir wussten genau, wen wir für was wollten. Das hat es etwas einfacher gemacht.

Peter: Wir haben erst Demoversionen selbst auf genommen und haben sie dann an Leute geschickt, mit der Bitte sich das mal anzuschauen.

John: Ich würde sagen wir hatten gut 70 Prozent fertig, bevor wir jemanden den Feinschliff haben machen lassen.

Peter: Einige Songs wurden ganz schön auf den Kopf gestellt. Andere waren am Ende immer noch sehr nah an dem dran, was wir ursprünglich damit gemacht haben. Man hat da ja gerne so ein Klischeebild im Kopf, aber jeder Produzent arbeitet völlig anders.

Bjorn: Mit einem guten Produzenten zu arbeiten kann auch gut fürs Ego sein. Wenn du weißt, er hat zuletzt mit Paul McCartney gearbeitet und jetzt bist als nächster du auf dem Plan, das hat doch was (Gelächter).

John: Ich komme ja ursprünglich aus der Klassik. Die beiden haben mich quasi gezwungen, Popsongs zu schreiben. Die Songs auf „Writer’s Block“ waren die ersten Popsongs die ich jemals geschrieben habe. Seitdem hat sich vieles entwickelt, man arbeitet ständig an neuen Techniken. Wir haben heute ja selber viel mehr Ahnung als früher, das schlägt sich auch in der Zusammenarbeit nieder. Wenn man aber immer nur miteinander arbeitet, bleibt man irgendwann in den immer gleichen Mustern hängen. Das ist wie wenn man immer mit derselben Familie zusammen ist. In einer neuen Gruppe von Menschen ändern sich auch die Verhaltensmuster. Wenn jemand Neues dazu kommt, bist du vielleicht nicht immer nur der Stille, sondern hast auch etwas zu sagen.

Wenn ich euer neues Album höre und mich dann an euren größten Hit, „Young Folks“, erinnere, dann habe ich das Gefühl, er könnte heute genauso gut in euer Album passen, vielleicht sogar besser als damals in „Writer’s Block“. Da ist er ja damals fast ein wenig raus gefallen.

Peter: Da gebe ich dir total recht. „Writer’s Block“ ist ja mehr eine Indie-Pop-Gitarren-Platte. Fast schon Shoegaze. Und „Young Folks“ ist ja ein richtiger Popsong.

John: Wir sollten ihn einfach heimlich noch mal drauf packen (Gelächter).

Und das Pfeifen ist auch wieder präsent in den neuen Songs.

Bjorn: Ja, hier und da wird gepfiffen. Vielleicht ist das eine Referenz zu „Young Folks“.

Peter: Verrückt, das ist schon zehn Jahre her.

John: Ein bisschen wie ein Geist, der immer mal wieder vorbei schaut.

Peter: Das Verrückte ist, dass das Pfeifen bei „Young Folks“ ursprünglich nur ein Platzhalter war, eine Momentaufnahme, bei der wir letztendlich hängen geblieben sind. Diesmal war es genauso. Ich habe gepfiffen als wir die Vocals aufgenommen haben und am Ende haben wir es so gelassen.

Als eine der größten Referenzen zu „Breaking Point“ nennt ihr ABBA. Ich habe das Gefühl, dass schwedische Bands sonst eher versuchen, den ABBA Vergleich zu umgehen.

John: Wir haben inzwischen aufgehört uns darüber Gedanken zu machen, was als akzeptable Referenz angesehen wird und was nicht. Es ist auch heutzutage alles wieder viel lockerer geworden, was das angeht. Früher galt es als total uncool, zuzugeben dass man ABBA gut findet.

Peter: Wir wollten ein Album mit klassischen, großen Popsongs machen. Und ABBA Songs sind nunmal große, gut geschriebene Popsongs. ABBA haben früher immer danach gestrebt so aktuell wie möglich zu sein. Sie haben alles genau verfolgt, was machen die Bee Gees, was passiert in der Disco Szene. Diese Sounds haben sie versucht einzufangen und selbst neu zu interpretieren. Gleichzeitig ging es ihnen darum, groß zu klingen. Für diese Platte im Besonderen sind ABBA eine sehr gute Referenz. Vielleicht nicht mehr für die nächste, das werden wir sehen. Sie haben aber auch ein paar echt schlechte Songs geschrieben, das muss man schon sagen (lacht).

Interview: Gabi Rudolph

Foto: Johan Bergmark

http://peterbjornandjohn.com