Interview mit Helgi Jonsson und Tina Dico

Helgi-Jonsson-Press-2016Helgi Jonsson und Tina Dico sind so etwas wie das Vorzeigepaar der internationalen Singer/Songwriter Szene. Er Isländer, sie Dänin, zwei Kinder, ein Haus in Island und jede Menge Musik. Es macht vor allem deshalb so viel Spaß sich mit ihnen zu unterhalten, weil sie sich so wahnsinnig gut verstehen. Da muss man gar nicht viel mehr machen als ihnen dabei zuzuhören, wie sie sich die Bälle zuwerfen und sich gegenseitig Respekt zollen für ihr musikalisches Schaffen, gemeinsam sowohl wie jeder für sich. Als ich die beiden kurz vor einem von Tinas Konzerten treffe, wirkt Helgi leider etwas angeschlagen – er hat ein dickes Auge, ein überdimensional entzündetes Gerstenkorn. Nicht viel später, das wissen wir alle zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wird Helgi ins Krankenhaus kommen und am offenen Herzen operiert werden. Inzwischen ist er zum Glück wieder wohlauf.
Und ja, eigentlich sollte man die Dame immer zuerst nennen. In diesem Fall hat es aber seine Berechtigung, denn Helgi wird im September endlich wieder für Solo Shows nach Deutschland kommen. Selbst Tina ist der Meinung, dass es an der Zeit ist, dass er sich vermehrt auf seine eigenen Songs konzentriert. Da dürfte es doch absolut in ihrem Sinne sein, dass der Mann hier ausnahmsweise mal zuerst genannt wird.

Wie geht es euch?

Helgi: Gut! Bis auf mein Auge und meine Schuhe, ich finde die könnten hübscher sein.

Tina: Wir können uns wirklich nicht beklagen. Kämpfen ein bisschen damit, dass es immer zu viel zu tun gibt.

Wenn ich verfolge was ihr alles so macht, frage ich mich sowieso immer, wie das eigentlich zu schaffen ist.

Tina: Das frage ich mich ehrlich gesagt auch manchmal. Wie zum Teufel ist das eigentlich möglich?

Helgi: Aber es macht auch Spaß!

Tina: Es macht Spaß, ja. Und es ist nur möglich weil wir beide so eng zusammen arbeiten. Verrückt.

Helgi: Heute musste ich erst zum Arzt wegen meinem Auge. Dann haben sie mir ein Klavier gegeben, das ganz okay ist aber nichts besonderes. Auf Fotos habe ich aber gesehen, dass es hier im Haus ein richtig gutes Klavier geben muss. Ich habe es förmlich gerochen. Ich bin wirklich alles andere als eine Diva, ich sehe immer zu, dass ich alles möglich mache und mich den Begebenheiten anpasse. Aber wenn es ein gutes Klavier gibt, ohne großen Aufwand, dann möchte ich es auch spielen.

Tina: Wir haben was das angeht aber auch schon einiges erlebt. Manchmal sagt man uns vor Ort übrigens, es gibt kein Klavier. Habt ihr einen Midi Stick den wir abspielen können? Wenn Helgi mich auf Tour unterstützt, stellt er was das angeht auch keine großen Ansprüche. Aber jetzt ist eine EP mit Klavierstücken von ihm raus gekommen, da soll er auch ein vernünftiges Klavier haben.

Ich habe gelesen, dass du inzwischen sowieso sehr verwöhnt bist, was Klaviere betrifft…

Helgi: Das stimmt. Und es ist eine wahre Geschichte.

Du hast in Berlin ein Klavier gesehen und dich sofort verliebt. Und jetzt steht es Zuhause bei euch in Island?

Helgi: Da steht es, ja.

Ich muss ja zugeben, dass ich immer ein klein wenig neidisch werde, wenn ich Fotos von eurem Zuhause sehe.

Helgi: Tina hat das Haus gefunden. Es war in der Anzeige überhaupt nicht gut beworben. Es stand noch nicht mal da, dass man einen direkten Blick aufs Meer hat. Tina hat von der Lage her darauf geschlossen, dass es so sein muss. Am Ende waren wir die einzigen, die gekommen sind um es sich anzugucken und haben es sofort gekriegt. Weil die Makler ihre Arbeit so schlecht gemacht haben.

Und was macht dein Isländisch, Tina?

Tina: Sagen wir so, ich bin inzwischen nicht mehr ganz ohne Hoffnung. Aber es wird noch lange dauern. Vor allem weil wir beide miteinander ja nie Isländisch sprechen.

Und mit den Kindern? Helgi spricht Isländisch mit ihnen, du Dänisch und untereinander sprecht ihr Englisch?

Tina: Genau. Ich spreche Isländisch auf dem Level einer Dreijährigen.

Helgi: Das kommt dir aber auch so vor, weil du so hohe Ansprüche an dich hast.

Helgi, du hast in den letzten Jahren viel Musik für Theaterproduktionen gemacht. An der Schaubühne zum Beispiel „For The Disconnected Child“, mit Regisseur Falk Richter. Was war das für eine Erfahrung, im Vergleich zu den Shows die ihr sonst spielt?

Helgi: Es hat auf jeden Fall viel Spaß gemacht. Das Theaterpublikum ist ein wenig anders im Vergleich zu dem, das wir sonst gewöhnt sind. Gutes Publikum. Die Leute lieben Musik. Ich habe das Gefühl, sie wissen es sehr zu schätzen, wenn in ein Stück gute Musik eingearbeitet ist. Ich glaube, im Theater kann es oft passieren, dass eine Inszenierung zwar sehr gut, die Musik aber eher zweitrangig ist. Wenn der Musik der Raum gegeben wird, den sie braucht um den ganzen Abend zu unterstützen, dann ist sie mehr als ein schwaches Element im Hintergrund. Das Publikum schätzt das.

Und habt ihr die Songs während der Proben zum Stück entwickelt?

Helgi: Ja, oft. Manche waren vorher schon fertig, manche habe ich während der Proben geschrieben und wieder andere habe ich für die Stücke umarrangiert. Falk und ich haben uns aber auch außerhalb der Proben viel hin und her geschickt, ich habe ihm einen Song geschickt und er mir Texte zurück, zum Beispiel. Das war sehr inspirierend. Wir hatten aber auch viel Zeit, die Proben haben sieben Monate gedauert.

Warst du die gesamte Probezeit dabei?

Helgi: Ja. Das werde ich aber auch nicht wieder machen (lacht). Es ist sooo viel Zeit.

Tina: Ich war mit den Kindern eine Zeitlang in Berlin, aber danach habe ich beschlossen, dass wir nicht mehr so viel unterwegs sein wollen. Als Helgi das Stück in Frankfurt gemacht hat, sind wir zurück nach Hause geflogen.

Wieviel Zeit verbringt ihr im Jahr überhaupt Zuhause?

Helgi: Die Hälfte des Jahres?

Tina: Es wird auf jeden Fall besser. Ich glaube, was wir in Zukunft nicht mehr so ausgiebig machen können, ist ständig gemeinsam auf Tour zu sein. Neben den Theaterstücken hat Helgi die letzten vier Jahre quasi Vollzeit mit meiner Arbeit verbracht. Touren, schreiben, produzieren, aufnehmen, alles. Dabei hat er seine eigenen Sachen mehr oder weniger auf Eis gelegt. Das kann auf die Dauer nicht so weitergehen. Er muss auch wieder seine eigenen Sachen machen und wir müssen anfangen, getrennt voneinander auf Tour zu gehen.

Helgi: (flüstert) Vielleicht.

Tina: Wir suchen uns jetzt schon sehr sorgsam die Dinge aus, die wir wirklich machen wollen. Vieles ist einfach nicht möglich. Wir können nur eine gewisse Anzahl an Wochen im Jahr unterwegs sein. Und es wird auch wirklich langsam weniger.

Helgi: Ende September spiele ich ein paar Solo Shows in Deutschland.

Tina: Da bin ich aber auch dabei. Ich liebe es, zur Abwechslung mal nicht vorne zu stehen. Auch in den Shows die wir gerade spielen, sind Helgis Songs fast meine Lieblingsmomente. Da kann ich auch mal Bass spielen!

Helgi: Du bist so eine coole Bassspielerin.

Tina: Danke!

Und wann wirst du dein nächstes Album raus bringen, Helgi?

Helgi: Ich schätze, den Rest des Jahres werden wir mit Aufnahmen verbringen. Wir werden zwei neue Alben aufnehmen, meins und Tinas.

Tina: Meins wird aber erst im Herbst 2017 raus kommen. Dann sind drei Jahre seit „Whispers“ vergangen. Das ist ok. Helgis wird Anfang 2017 raus kommen.

Helgi: Ich hab das Material, ich muss es nur noch aufnehmen.

Tina: Und noch einen Riesen Hit schreiben (Gelächter).

Wie schreibt man einen Riesen Hit?

Helgi: Keine Ahnung. Ich habe es noch nie ausprobiert (lacht). Wahrscheinlich indem man es nicht probiert.

Tina: Das ist die offensichtlichste Antwort die man geben kann. Aber ich glaube es stimmt nicht.

Helgi: Ich bin einfach nicht der Musiker, der Hits hat.

Tina: Ich glaube auch nicht, dass du einen brauchst. Für manche Musiker ist der eine große Hit der Fluch der Karriere. Man will doch nicht einen Song haben, der stärker ist als alles andere, was du sonst machst. Ich habe es immer als Glück angesehen, dass ich nicht den einen Song habe, nachdem alle Leute nach Hause gehen wollen, wenn man ihn auf einer Show gespielt hat.

Helgi: Was für eine deprimierende Vorstellung.

Tina: Ich habe aber eine Vision von genau dem Song, den du brauchst. Ein Tempo und ein Feeling wie bei Agnes Obels „Riverside“ oder José Gonzáles „Crosses“. So ein Song, der ein Teil von einem Lebenssoundtrack ist. Aber Helgi wirft nur so mit wunderbarer Musik um sich. Sie kommt bei ihm rechts, links und aus der Mitte raus. Man muss sie nur noch in Form bringen.

Interview: Gabi Rudolph

Helgi Jonsson Live:

23.09.2016 Hamburg Reeperbahn Festival // St. Pauli Kirche
24.09.2016 Düsseldorf // Christuskirche
25.09.2016 Frankfurt // Mousonturm
26.09.2016 Berlin // Studio im Admiralspalast

http://www.helgijonsson.com/