Interview mit CHVRCHES

Chvrches2_DannyClinch_UniversalMusicMit dem Debütalbum quasi einmal um die Welt getourt, sechs Wochen Pause und dann ran ans nächste Werk. Lauren Mayberry, Iain Cook und Martin Doherty von der schottischen Electropop-Band CHVRCHES lassen es nicht gerade langsam angehen. In der Presselounge des Lollapalooza Festival wirken die drei aber äußerst entspannt und zufrieden mit ihrem Output und dem Verlauf der letzten Jahre. Heute erscheint das zweite Album „Every Open Eye“ und die drei haben mir einen kleinen Einblick in ihren Schaffensprozess gewährt. Und mir zum Beispiel verraten, was sie eigentlich von Bonus Tracks halten. Ach, und man wünscht sich in der Welt der Popmusik noch viel mehr Frauen vom Kaliber einer Lauren Mayberry. Als während des Auftritts beim Lollapalooza ein Bierbecher in ihre Richtung fliegt, kündigt die Frontfrau mit der feenhaften Statur vollmundig an, den Werfer im Falle eines weiteren Versuchs auf die Bühne zu holen und mit der Nase in die Bierpfütze zu tunken, so wie man es mit Hunden macht, wenn sie auf den Wohnzimmerfußboden pinkeln. Go, Lauren!

Zuletzt haben wir uns letztes Jahr beim Hurricane Festival getroffen. Ihr wart spät dran und habt mir tatsächlich eine halbe Stunde vor eurem Auftritt noch ein Interview gegeben.

Martin: War das letztes Jahr? Mir kommt es so vor, als wäre es schon ewig her…

Wir haben über euren Zeitplan für das nächste Jahr gesprochen und ihr hattet vor, nach der Tour, zum Ende des Jahres hin, wieder ins Studio zu gehen. Ist das ungefähr so dann auch passiert?

Lauren: Ja, es war ziemlich genau so. Wir haben bis Ende November, Anfang Dezember getourt und haben dann erst einmal sechs Wochen Urlaub gemacht. Dann haben wir Mitte Januar mit dem Schreiben angefangen. Und jetzt sind wir wieder da!

Von außen betrachtet sieht es so aus, als wäre das alles sehr schnell gegangen. Und als wärt ihr permanent nur am arbeiten.

Lauren: Ja, na ja, wir hatten uns keine richtig fixe Deadline gesetzt, wann wir fertig sein wollten. Wir haben uns erst einmal zurück gezogen und einfach Musik gemacht, bevor wir uns mit dem Label zusammen gesetzt und über Timing und solche Sachen gesprochen haben. Unser Glück war, dass unsere Kommunikation sich immer noch so gut wie am Anfang anfühlt, dadurch ging alles ziemlich schnell. Und wir waren alle drei schon lange heiß darauf, wieder mit dem Schreiben anzufangen.

Aber sind sechs Wochen Pause denn überhaupt lang genug, um den Kopf wieder frei für Neues zu kriegen?

Iain: Frag uns das nochmal nachdem wir wieder sechs Wochen am Stück auf Tour waren, dann werden wir sehen (lacht). Nein, es fühlte sich eigentlich genau richtig an. Genug Zeit, um nach der Tour wieder runter zu kommen und all die Leute zu treffen, die man viel zu lang nicht gesehen hat, sich auszuruhen. Dann, als wir im Januar wieder zusammen gekommen sind, waren wir richtig danach gelechzt, wieder mit dem Musik schreiben anzufangen.

Martin: Die Sommerferien in der Schule sind doch auch immer sechs Wochen, oder?

Iain: Richtig! (lacht) Das waren als Kind immer die besten sechs Wochen des Jahres.

Martin: Also scheint es genau die richtige Zeit für eine Pause zu sein. Außerdem ist es doch gut, wenn man ein Album machen kann, dann hat man etwas zu tun. Sonst würden wir vielleicht nur rum sitzen und fernsehen.

Lauren: Es wäre auch nochmal was anderes, wenn wir ein Management oder ein Label im Hintergrund hätten, das uns sagen würde, wann wir ins Studio zu gehen haben und wann wir ein Album raus bringen sollen. Aber niemand sagt uns solche Sachen. Wir besprechen all diese Sachen untereinander. Wie lange wir Pause machen wollen, wann wir wieder anfangen zu arbeiten. Wenn wir dann wieder zusammen kommen, sind wir einfach froh, wieder diese Band sein zu können, die wir glücklicherweise sind.

Martin: Ich glaube auch, wenn man uns so etwas vorschreiben würde, würden wir es niemals in der Zeit hin kriegen. Das würde uns wahnsinnig machen. Wir arbeiten nach unserer eigenen Uhr. Ab und zu müssen wir uns selber Deadlines setzen. Sonst braucht man für manche Dinge ewig.

Iain: Ich glaube trotzdem, dass wir keine Band sind, die über ein Jahr an einem Album arbeiten würde. Wir arbeiten gerne spontan. Es fühlt sich aufregend an, wenn man etwas schnell entstehen lässt und ich denke, das manifestiert sich auch in unserer Musik. Man hört das.

Hattet ihr denn schon Skizzen, die während der Tour entstanden sind oder habt ihr ganz von vorne angefangen?

Lauren: Iain und ich hatten ein paar Sachen, Ideen die wir notiert hatten und ein paar Demos auf dem Laptop. Aber das meiste ist gemeinsam im Raum entstanden. Die Sachen, die man zwischendrin entstehen lässt sind hauptsächlich für einen selbst, damit man im Training bleibt und nicht das Gefühl hat, dass man auf einem komplett weißen Blatt ganz von vorne anfängt.

Martin: Diese Demos haben wir am meisten in der zweiten Hälfte der Schreibphase benutzt. Wenn man zusammen kommt, ist am Anfang die Energie, etwas völlig Neues entstehen zu lassen, am größten. Wenn man dann irgendwann nicht mehr so richtig weiter kommt, kann man sich in Ruhe mit den Demos beschäftigen, die man noch in der Hinterhand hat. Produktiver ist es aber, wenn man etwas ganz Neues macht.

Ich habe gelesen, dass ihr üblicherweise mit den Sounds anfangt.

Iain: Genau, so arbeiten wir. Meistens fangen wir mit einem Beat an oder einem Sample. Dann entsteht die Melodie. Die Texte kommen zuletzt, wenn der Song schon eine möglichst klare Form hat.

Das hörst du, Lauren, dir dann an und bekommst dadurch eine Idee für einen Text?

Lauren: Ja, irgendwann ist der Punkt, an dem ich mich mit einem Song zurückziehe und mir überlege, was ich damit sagen möchte, während Martin und Iain ihn weiter ausfeilen. Ich habe ein Notizbuch, das ich auf Tour immer mit mir rum trage und in das ich immer wieder einzelne Zeilen oder Wörter notiere, die mir in den Sinn kommen. Wenn ich mir die Demos anhöre blättere ich da gerne drin herum und gucke, ob etwas davon passen könnte. Der Rest entsteht dann darum herum.

Chvrches - Lollapalooza 2015 - ┬® Markus Werner (15 von 16)Was war für euch besonders und neu an der Arbeit an diesem Album, im Vergleich zu eurem ersten?

Lauren: Ich denke, der größte Unterschied war, dass wir erstmals wirklich konkret ein Album aufgenommen haben. Damals haben wir einfach Songs geschrieben, die wir über einen bestimmten Zeitraum hinweg gesammelt und dann daraus ein Album gemacht haben. Diesmal haben wir uns hin gesetzt und ganz explizit an einem Album gearbeitet. Ganz am Anfang waren wir ja ein reines Songschreibeprojekt. Wir wussten nicht, ob wirklich eine Band daraus wird. Ob wir ein Album machen, auf Tour gehen werden… Das hat sich ja mit der Zeit alles erst entwickelt. Jetzt, beim zweiten Mal, waren die Voraussetzungen klarer.

Das ist interessant, weil ich von „Every Open Eye“ die Version mit 15 Titeln bekommen habe, vier davon Bonus Tracks…

Alle durcheinander: Ahhh… die Bonus Tracks…

Lauren: Für uns endet das Album nach 11 Songs, mit „Afterglow“.

Und genau das wollte ich gerade sagen. Man hat beim Hören das Gefühl, dass das Album genau dort zu Ende sein sollte. Von daher ist das Konzept, ein Album als Ganzes zu machen, offensichtlich aufgegangen.

Lauren: Das ist sehr gut, dass Du das sagst. Wir haben sehr an dem Tracklisting gearbeitet, bis wir das Gefühl hatten, dass das Album einen zusammenhängenden Flow hat.

Martin: Ich hasse Bonus Tracks.

Lauren: Das ist halt etwas, das man den Labels zugestehen muss. Für jede Form der Veröffentlichung und für jedes Land soll es andere Bonus Tracks geben.

Ich dachte schon, ihr habt vielleicht so viele Songs aufgenommen, dass ihr euch nicht entscheiden konntet, welche genau auf dem Album sein sollen und die übrigen nach und nach als Bonus Tracks raus gebt.

Martin: Wir haben viele Songs aufgenommen, sehr viele mehr als auf dem Album sind. Aber wir allein haben die elf ausgewählt, die jetzt drauf sind. Wir haben natürlich auch frei gegeben, welche Songs als Bonus Tracks verwendet werden dürfen. Aber wenn es nach uns ginge, würde es überhaupt keine Bonus Tracks geben.

Iain: Die Leute sagen oft, dass das Album als Medium so gut wie tot ist. Ich finde das nicht. Das Problem ist aber, dass ab dem Moment, als digitale Downloads wichtiger geworden sind als CDs und Vinyl, es keine zeitliche Begrenzung mehr gab, wie viel Musik man in ein Album packt. Früher war nach 45 Minuten einfach Schluss! Viele Künstler haben im digitalen Zeitalter angefangen, ihre Hörer zu Tode zu langweilen mit anderthalb Stunden Musik. Da kann einem die Lust auf ein Album schon vergehen.

Martin: Das ist ein bisschen ähnlich mit Bands, die bei ihren Konzerten kein Ende mit den Zugaben finden. Sie spielen vier Zugaben, dann ihren größten Hit und dann noch einen Song hinterher. Selbst wenn die ganze Show großartig war, erinnere ich mich hinterher immer nur daran, dass dieser eine Song doch wirklich nicht mehr hätte sein müssen.

Iain: Man braucht einen definitiven Schlusspunkt. Sonst zerfasert sich am Ende alles und man kommt nirgendwo richtig an.

Lauren: Aber zum Glück ist auf dieser Welt Platz für Vielfalt. Und manch einer liebt es, wenn er als Belohnung für seinen Download oder den Kauf einer Deluxe Edition ein paar Bonus Tracks dazu bekommt. Es sind ja trotzdem gute Songs und es ist auch schön zu wissen, dass sie nicht nur in der Mülltonne landen.

Interview: Gabi Rudolph

Live Foto: Markus Werner

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